Tagung
Die Zukunft der Arbeit in Europa
Die Arbeitslosigkeit stellt wahrscheinlich die größte Aufgabe dar, die Europa in den nächsten Jahren zu lösen hat. Bisher haben sich die einzelnen Staaten vor allem allein mit dem eigenen Beschäftigungsproblem befaßt und versucht, eigene "Rezepte" auf nationaler Basis durchzusetzen. Das läßt sich aber schlecht mit dem ‘leadership’ der Mitte-Links-Regierungen in Europa vereinbaren (14 Mitte-Links-Regierungen, davon vier mit grüner Beteiligung): Diese politische Konstellation sollte eigentlich eine Chance für die Entwicklung einer gemeinsamen europäischen Strategie zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit darstellen. Die Vollendung der europäischen Wirtschafts- und Währungsunion und die Einführung des Euro liessen eine noch schärfere Konkurrenz um Standorte und damit um Arbeitsplätze erwarten. Gleichzeitig stellten sie aber auch die Möglichkeit dar, ein neues, alternatives "Modell" zu entwickeln. Während das bei uns präferierte Modell eher das Augenmerk auf Löhne und Sozialsystem lenkt, die Arbeitslosigkeit aber in den letzten Jahren stark zunahm, gewährt das "amerikanische Modell" höhere Beschäftigung, allerdings zu niedrigen Löhnen bei ungleichmäßiger Einkommensverteilung und mangelnden Bildungsmöglichkeiten für Jugendliche.
Keines dieser zwei "Modelle" kann als erfolgversprechend für die Zukunft betrachtet werden. Es ist notwendig, neue Konzepte sowie eine neue, gemeinsame "Arbeitspolitik" - im weitesten Sinne des Wortes - zu entwickeln.
Länderübergreifende und alternative Arbeitskonzepte auf europäischer Ebene sollten bei der Tagung ausgetauscht, diskutiert und weiterentwickelt werden. Ziel war es, mit VordenkerInnen und ExpertInnen aus Wissenschaft und Praxis die Grundlagen dieser neuen "Arbeitspolitik" zu identifizieren. Im Hinblick auf die in den letzten Jahren von verschiedenen AutorInnen erarbeiteten innovativen und unkonventionellen Ansätze zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit wurde versucht, die Aufmerksamkeit von der Erwerbsarbeit zu anderen Formen der Arbeit zu verlagern:
- Gibt es tatsächlich Perspektiven jenseits der "arbeitnehmerzentrierten Industriegesellschaft" in Form von Bürgerarbeit, Eigenarbeit, Tauschringen? Gibt es ähnliche Ansätze, die eine Ergänzung oder sogar eine Alternative zur Erwerbsarbeit darstellen?
- Unter welchen Bedingungen können solche Vorschläge auch Standardkomponente einer gemeinsamen europäischen Strategie zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit werden?
In diesem Zusammenhang waren die Funktion der Europäischen Union als solche, die Relevanz einer Koordinierung der Bekämpfung der Massenarbeitslosigkeit auf europäischer Ebene und die konkreten Chancen dieser Koordinierung wichtiger Bestandteil der Diskussion.
PROGRAMM
Vorträge:
Arbeitspolitik in Europa. Ein Überblick
Prof. Paul Teague, School of Public Policy, Economics & Law, University of Ulster at Jordanstown
Produktive Arbeit in der neuen Dienstleistungsgesellschaft
Dr. Orio Giarini, Geneva Association, Genf
Sozial-kulturelle Aspekte von Arbeit in Regionalisierungsprozessen
Dr. Christa Müller, ITPS, Institut für Theorie und Praxis der Subsistenz, Bielefeld
Moderation:
Ina Rubbert, Europa-Zentrum Baden-Württemberg
Forum I:
Arbeit als soziale und kulturelle Entwicklung
Dr. Elisabeth Redler, Haus der Eigenarbeit, München
Dr. Babette Scurrell, Bauhaus Dessau
Dr. Karl Birkhölzer, Europäisches Netzwerk für ökonomische Selbsthilfe und lokale Entwicklung
Moderation:
Günter Rohleder, Journalist, Berlin
Forum II:
Beschäftigungsstrategien für Jugendliche im Vergleich NEW DEAL, das Beschäftigungsprogramm für Jugendliche in Großbritannien
Mark Neale, Department for Education and Employment, London Strategie der rot-grünen Regierung gegen die Jugendarbeitslosigkeit
Prof. Peter Grottian, FU Berlin
Moderation:
Thomas Gesterkamp, Publizist, Köln
Abschlußdiskusion
Welche Reform der Arbeitsgesellschaft?
Dr. Orio Giarini, Geneva Association, Genf
Dr. Dietrich Hildebrandt, Bündnis 90/Die Grünen im Landtag Baden-Württemberg
Wim Sprenger, Federatie Nederlandse Vakbeweging, Amsterdam
Martin Kempe, Publizist, Berlin
Moderation:
Thomas Gesterkamp, Publizist, Köln
Eine Veranstaltung der Heinrich Böll Stiftung Baden-Württemberg e.V., der Bundesstiftung und des Europa-Zentrums Baden-Württemberg.
