Jahrestagung
Wir werden alt! Wir werden weniger! Na und?
Samstag, 20. November 2004
Haus der Architekten
Danneckerstr. 54, Stuttgart
Die steigende Lebenserwartung und die sinkende Geburtenrate verändern die Gesellschaft grundlegend. Der Alterungsprozess der Gesellschaft hat Auswirkungen, die Politik, Wirtschaft, Arbeitswelt, Kultur, Medizin, Ethik und Familien herausfordern und nach einem neuen gesellschaftlichen Leitbild verlangen.
Bietet Schrumpfung Chancen für qualitatives Wachstum, für Wohlstand in einem umfassenden Sinn, für eine ökologisch nachhaltige Entwicklung?
Ist der Geburtenrückgang das eigentliche Problem? Stellt er den Fortbestand der gesellschaftlichen Grundlagen in Frage? Bedeuten weniger Kinder weniger Wohlstand, weniger Dynamik, weniger Innovation und weniger Lebensqualität? Brauchen wir eine Bevölkerungspolitik à la francaise?
Oder muss sich Politik darauf konzentrieren Hindernisse aus dem Weg zu räumen, die die Kinderwünsche vieler junger Frauen und Männer in der Realität brechen?
Gibt die Bevölkerungsentwicklung endlich den Schub für die längst überfällige Integration von MigrantInnen und Investitionen in Bildung?
Ist die Entwicklung so neu und so dramatisch wie sie in manchen Untergangsszenarien beschworen wird? Oder dient die Rede von der "demografischen Zeitbombe" als Vorwand zur Demontage des Sozialstaats, indem künstlich Handlungsdruck aufgebaut und Alternativlosigkeit vorgegaukelt wird? Teilen manche dieselbe Absicht, die das Argument Generationengerechtigkeit im Munde führen?
Ist das Eintreten für die derzeitigen sozialen Errungenschaften bloße Besitzstandswahrung für den männlichen Normalarbeitnehmer, der immer mehr zur Ausnahme wird? Was soll der Sozialstaat sicherstellen? Wie kann gesellschaftliche Spaltung verhindert werden?
Meinen wir mit Gerechtigkeit auch Teilhabe-Chancen, Zugang zu Bildung und Erwerbsarbeit und Mitwirkungsmöglichkeiten?
Die Tagung findet statt im Rahmen des länderübergreifenden Projekts "Staatlichkeit und Bürgerschaftlichkeit " mehrerer Landesstiftungen der Heinrich Böll Stiftung und der Bundesstiftung.
Programm
13.00
Heike Schiller
Heinrich Böll Stiftung Baden-Württemberg
13.15
Sind wir Spitze?
Die Debatte über die Bevölkerungsentwicklung in Baden-Württemberg
Edith Sitzmann, MdL
Mitglied der Landtags-Enquetekommission "Demografischer Wandel - Herausforderung an die Landespolitik"
13.30 Panel I
Mehrheitsgesellschaft im Schwinden?
Bevölkerungspolitik, Zuwanderung, Integration, Identitäten
Gründerin und Geschäftsführerin des Familienservice, Autorin
promoviert über das türkische Generationenverhältnis in Deutschland
Katja Husen, MdHB
frauenpolitische Sprecherin im Bundesvorstand Bündnis 90/Die Grünen
Stipendiatin des Studienwerks der Heinrich Böll Stiftung
Moderation
Ute Brümmer, Heinrich Böll Stiftung
Gisela Erler, Mitautorin des einst heiß umstrittenen Müttermanifests sieht den dramatischen Geburtenrückgang in Deutschland als Problem, das aktive Schritte von Politik und Unternehmen erfordert. Welche Rolle kann Immigration spielen und welchen Einflüssen unterliegen Migrationsfamilien?
Hasan Cil schrieb die Erfahrungen der ersten Generation der türkischen GastarbeiterInnen nieder, arbeitet heute mit türkischen SeniorInnen und sortiert gerade auch ganz privat im Erziehungsurlaub das Generationenverhältnis neu.
Katja Husen thematisiert die Folgen der demografischen Debatte auf junge Frauen zwischen Kinderwunsch und Gebärstreik, zwischen Eltern sein und Eltern pflegen.
Franziska Brantner promoviert zwischen Köln, Paris und New York und betrachtet das deutsche Phänomen als Grenzgängerin.
15.15 Kaffeepause
15.45 Panel II
Schrumpfen als Chance?
Wie steht das "alte" Europa weltweit da?
Zukunftsfähigkeit, Nachhaltigkeit und die Rolle des Sozialstaats
Berlin-Institut für Weltbevölkerung und globale Entwicklung
Wuppertal-Institut
Ver.di, Bereich Wirtschaftspolitik
MdB, Bündnis 90/Die Grünen
Moderation
Steffen Sigmund, Uni Heidelberg
Steffen Kröhnert stellte als Mitarbeiter der Studie "Deutschland 2020 – die demografische Zukunft der Nation" eine flächendeckende Rangliste in Sachen Zukunftsfähigkeit auf.
Karl-Otto Schallaböck vertritt die These, dass es keinen Automatismus zwischen Nachhaltigkeit und Bevölkerungsrückgang gibt.
Michael Schlecht ist als Mitarbeiter des Bereiches Wirtschaftspolitik von Ver.di Co-Autor der umstrittenen Broschüre "Mythos Demografie".
Kerstin Andreae sieht eine soziale Gefahr in der demografischen Entwicklung und stellt die Frage der Gerechtigkeit zwischen den Generationen.
17.30 Buffet
18.30 Debatte
Herausforderungen der demografischen Entwicklung für Wirtschaft, Arbeitswelt und Politik
Personal & Arbeitsdirektor im Vorstand von DaimlerChrysler
stellvertretender Generalsekretär Europäischer Gewerkschaftsbund
Bundesvorsitzender Bündnis 90/Die Grünen
Moderation
Jürgen Schmitz, Südwestrundfunk
Weitere Informationen zum Thema:
- Thesen für die Enquetekommission des Landtags von Dr. Wolff
- Informationen des Wirtschaftsministeriums BW
- Demografische Entwicklung in Baden-Württemberg
Daten, Analysen und Prognosen; in Frauen AKTIV, Heft 24, hrsg v. Sozialministerium BW - Hintergrundinformationen des Statistischen Landesamtes Baden-Württemberg
- Veröffentlichungen von Steffen Kröhnert, Nienke van Olst und Reiner Klingholz: "Deutschland 2020: Die demografische Zukunft der Nation"
- Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft (Ver.di), "Mythos Demografie"
- Gerd Bosbach, "Demografische Entwicklung - kein Anlass zur Dramatik"
- Zukunft der Arbeit V: Demografische Entwicklung - Chancen für neue Generationen- und Geschlechterverhältnisse
- "Altersgerecht und jugendgemäß - Der demografische Wandel erfordert eine andere Politik" Beschluss der Landesdelegiertenversammlung Niedersachsen vom 13.11.2004
