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VeranstaltungenArchiv2008-1999
Heinrich Boell

Vom Tomatenwurf zum Pop-Feminismus

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Heidelberg, 68 und die Revolte der Frauen:
Was bleibt von der Frauenbewegung?
Feminismus heute – zwischen Pop und F-Klasse

 

Diskussion mit

Gretchen von Seggern
68er-Aktivistin in Heidelberg

Monika-Isis Ksiensik
68 SDS-Aktivistin, aktiv in der Frauenbewegung, heute Gleichstellungsbeauftragte

Sonja Eismann
Musik- und Kulturjournalistin, Herausgeberin von „Hot Topic. Pop-Feminismus heute.”

 

Moderation
Annette Goerlich
Heinrich Böll Stiftung Baden-Württemberg

 

Monika-Isis Ksiensik, Sonja Eismann, Annette Goerlich, Gretchen von Seggern

mit Bild zur Wahl der Miss University Heidelberg

 

„68 als Mythos oder Beginn einer Zeitenwende“ wird in diesen Tagen viel diskutiert. Auch über die Heidelberger Studentenbewegung wurde einiges geschrieben - wenig indes über die Rolle der Frauen, obwohl sie die Frauenbewegung ins Rollen brachten, die wie kaum eine andere moderne soziale Bewegung die Gesellschaft veränderte.

 

Gretchen von Seggern,
seit 1966 im Heidelberger SDS aktiv, hat für die Veranstaltung in ihrem privaten Archiv gestöbert und zeigt ausgewählte Bilder und Dokumente. Zum Beispiel von ihrer spontanen Gegenkan­didatur zur Miss University Heidelberg. Keine Bilder gibt es allerdings vom Dusch-In von Frauen im CA, um im damaligen Studenten­wohnheim (heute Carolinum) das Wohnrecht für Frauen zu erstreiten; davon wird sie erzählen.

 

Vollversammlungen und theoretische Streitge­fechte waren eine Seite der Studentenbewegung - die andere: Freude am Unkonventionellen, Aufmüpfigkeit und einfach Spaß. Mann/Frau experimentierte mit neuen Wohnformen, revoltierte gegen die repressive (Sexual-)Moral der Nachkriegszeit und erprobte eine anti­autoritäre Erziehung.

 

Doch schnell zeigte sich, dass das studentische Aufbegehren gegen Autoritäten und Herrschafts­verhältnisse in den eigenen Strukturen an Grenzen stieß, die vor allem die Frauen zu spüren bekamen. Bald regte sich Widerspruch gegen den Ausspruch eines Wortführers der Studentenbewegung, es mache einen Unter­schied, ob eine Frau die dreckigen Socken eines Bourgeois oder eines Revolutionärs wasche.

 

Auf dem SDS-Kongress im September 1968 hielt Helke Sander als Vertreterin des "Berliner Aktionsrates zur Befreiung der Frauen" die Rede, in der sie das Private als politisch erklärte:

 

Wir stellen fest, dass der SDS innerhalb seiner Organisation ein Spiegelbild gesamtgesell­schaftlicher Verhältnisse ist. (…) (Man vermeidet auch im SDS) den Konflikt zwischen Anspruch und Wirklichkeit (…) dadurch, dass man einen bestimmten Bereich des Lebens vom gesell­schaftlichen abtrennt, ihn tabuisiert, indem man ihm den Namen Privatleben gibt. In dieser Tabuisierung unterscheidet sich der SDS in nichts von den Gewerkschaften und den bestehenden Parteien. (…)

 

Die meisten Frauen sind deshalb unpolitisch, weil Politik bisher immer einseitig definiert worden ist und ihre Bedürfnisse nie erfasst wurden. (…)

 

Wenn diese Privilegierten unter den Frauen (die studieren können) nun Kinder bekommen, werden sie auf Verhaltensmuster zurückge­worfen, die sie meinten, dank ihrer Emanzipation schon überwunden zu haben. (…)

 

Genossen, wenn ihr zu dieser Diskussion, die inhaltlich geführt werden muss, nicht bereit seid, dann müssen wir allerdings feststellen, dass der SDS nichts weiter ist als ein aufgeblasener konterrevolutionärer Hefeteig.

 

(die ungekürzte Rede erhalten Sie hier)

 

 

Als die Genossen ohne Diskussion zu ihrer Tagesordnung übergehen wollten, flogen die Tomaten, und Frauen begannen in der Folge bundesweit sich autonom zu organisieren.

 

Monika-Isis Ksiensik,
Mitglied des anti-autoritären SDS, wurde zur Mitbegründerin von Fraueninitiativen, die den Weg der Frauenbewegung markieren: z.B. der Verein für feministische Theorie und Praxis, das Mannheimer Frauencafe, Balance Heidelberg und FrauenMitPlan. Sie trat den langen Marsch durch die Institutionen an – Institutionen allerdings, die erst von der Frauenbewegung durchgesetzt wurden. Was bleibt außer Paragrafen? Wo hat die Frauenbewegung ihre Spuren in der Gesellschaft hinterlassen?

 

Sonja Eismann,
von ihrer Mutter früh mit Frauenliteratur beschenkt, bezieht sich auf diese Tradition, auch wenn sie Feminismus konsequenter­weise aus ihrer eigenen popkulturellen Perspektive buchstabiert. Welche Bedeutung hat er heute?

 

Sie sieht keine Notwendigkeit für einen neuen Feminismus, da bis jetzt nicht einmal die Forderungen des „alten“ erfüllt seien. Der vermeintliche Grabenkampf zwischen der Generationen der "Altfeministinnen" und den "Lifestyle"-Feministinnen sei vornehmlich eine Inszenierung der Medien, die auf "F-Klässlerinnen" und „Alpha-Mädchen“ abfahren. Sie behauptet: Die dritte Welle von Feministinnen steht schon in den Startlöchern.

 

Feminismus – seit 68 ein heißes Thema?
Zu dieser Debatte laden wir herzlich ein!

 

Veranstalter

Heinrich Böll Stiftung Baden-Württemberg in Kooperation mit der Grünen Hochschulgruppe Heidelberg im Rahmen des gemeinsamen Projekts der Heinrich Böll Bundesstiftung und verschiedener Landesstiftungen

  

Mi, 4. Juni, 19 Uhr

Universität Heidelberg

Neue Universität am Uniplatz in der Altstadt

Hörsaal 14 (Achtung Raumänderung), Neue Uni, 2.OG

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Vom Tomatenwurf
zum Pop-Feminismus

4. Juni, Heidelberg

Pressetimmen:
Südwestdeutsche Zeitung, 9. Juni
Rhein-Neckar-Zeitung, 11. Juni

 

Weitere Informationen:

 

In ihrer Rede auf der 23. Delegiertenkonferenz des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) in Frankfurt sprach die spätere Film- und Theaterregisseurin  Helke Sander am 13. September 1968 als Vertreterin des "Aktionsrates zur Befreiung der Frau". Sie thematisierte das Private als politisch:

Die Rede im Wortlaut

Quelle: Politeia, Uni Bonn

 

Kommentare zu Sanders SDS-Rede von 1968 von Studierenden der Uni Heidelberg 2008

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Literaturhinweise:

 

Vorwort zur Dokumentation „Wie weit flog die Tomate? ...“

Dokumentation „Wie weit flog die Tomate? ...“

Wie weit flog die Tomate? - Eine 68erinnen-Gala der Reflexion

Hrsg. von der Heinrich-Böll-Stiftung und dem Feministischen Institut

l. Auflage, Berlin 1999, ISBN 3-927760-32-3

Im Buchhandel erhältlich, Preis DM 15,-

Ein Buch über dreißig Jahre neue Frauenbewegung ist auch ein Blick zurück nach vorn.

 

Sonja Eisenmann (Hg.):
Hot Topic. Popfeminismus heute

Ventil Verlag, 2007, 304 S., 14,90 €