Simone de Beauvoir
Eine interdisziplinäre Vortragsreihe
Simone de Beauvoir wäre in diesem Jahr 100 Jahre alt geworden. Die französische Existenzphilosophin, Schriftstellerin und feministische Theoretikerin gilt bis heute als die weibliche Intellektuelle des 20. Jahrhunderts.
Von ihrer individualistischen Moralkritik in ihren Frühschriften der 1940er Jahre ausgehend entwickelte sie 1949 in „Das andere Geschlecht“, einem der wirkmächtigsten Schlüsseltexte der zweiten Frauenbewegung überhaupt und ein theoretischer Klassiker der Gender Studien, und in ihrem zweiten großen Essay „Das Alter“ eine politische Ethik, die um die Begriffe Situation, Doppelsinnigkeit, Freiheit, Befreiung und Verantwortung, Sexualität, Alter und Tod kreist.
Ihre Zeit hat sie, fiktional verändert, in ihren vier Memoirenbänden festzuhalten versucht. Mit all diesen Schriften und ihren zahlreichen Romanen und Erzählungen, wie auch ihren politischen Stellungnahmen erfüllte und schuf sie sich das Projekt ihres Lebens. Zu ihren Lebzeiten waren ihre Person und ihr Werk sehr umstritten. Ihre Texte sind voller Brüche und nicht zuletzt durch die persönlichen Schriften aus dem Nachlass, den Briefen und Tagebüchern, noch lange nicht ausgedeutet.
In der Vorlesungsreihe werden zentrale Themen des Werkes von Simone de Beauvoir durch Literatur- und Politikwissenschaftlerinnen, Philosophinnen, Theologinnen und Historikerinnen aufgegriffen. Was ist von dieser intellektuellen Ausnahmefrau des 20. Jahrhunderts auch heute noch aktuell? An welche Aspekte ihres Denkens lässt sich anknüpfen?
Beginnen wird die Veranstaltungsreihe, die diesen Fragen nachgeht, am 6. November um 18.15 Uhr mit einer kurzen Einführung zu Person, Werk und Rezeption. In der anschließenden Podiumsdiskussion setzen sich Wissenschaftlerinnen aus interdisziplinärer Perspektive und mit dem Blick verschiedener Generationen mit der politischen und wissenschaftlichen Wirkung von Beauvoirs wichtigstem Buch „Das andere Geschlecht“ auseinander. Teilnehmen werden daran die evangelische Theologin Elisabeth Moltmann-Wendel, eine Mitbegründerin der feministischen Theologie, die Bundestagsabgeordnete der Grünen Biggi Bender und die Gleichstellungsbeauftragte der Universität Tübingen, die Literaturwissenschaftlerin Schamma Schahadat.
Die Journalistin Florence Hervé richtet einen eher allgemeinen Blick auf Beauvoirs Werk, ein Blick, in dem Beauvoir selbst mit ihren Texten zu Wort kommen wird.
Mit dem Verhältnis der politisch engagierten Beauvoir zum Sozialismus beschäftigt sich die Berliner Philosophin Effi Böhlke, während die international bekannte Beauvoirforscherin Ingrid Galster aus Paderborn Genese, Theorie und Praxis des Engagements von Beauvoir und Sartre vergleicht.
Der 5. Abend wird in das literarische Schaffen der französischen Schriftstellerin einführen und zwar mit der Verfilmung des Résistance-Romans „Das Blut der Anderen“ von Claude Chabrol mit Jodie Foster, Michael Ontkean, Sam Neill, von 1984. Die Länge des Filmes macht eine Veränderung der Veranstaltungszeit an diesem einen Abend notwendig.
Der Zusammenhang der beiden großen Essays von Beauvoir, „Das andere Geschlecht“ und „Das Alter“ wird von der Tübinger Philosophin und Beauvoirforscherin Ursula Konnertz herausgearbeitet und in den Kontext aktueller ethischer Diskussionen gerückt.
Diese ethischen Diskussionen zum Beispiel in den Lebenswissenschaften sind auch gleichzeitig von großer politischer Relevanz und, wie die Gießener Politikwissenschaftlerin Barbara Holland-Cunz zeigt, ist gerade der komplexe Freiheitsbegriffs Beauvoirs für die politische Theorie in Zeiten des Neoliberalismus in diesem Kontext fruchtbar zu machen.
Den Abschluss der Reihe bildet der Vortrag der französischen Historikerin und Philosophin Geneviève Fraisse, die zugleich als Wissenschaftlerin am CNRS in Paris zu Beauvoir forschte, politische Weggefährtin zur Zeit der 2. Frauenbewegung war, als auch in den 1990er Jahren als Interministerielle Beauftragte der französischen Regierung für die Rechte der Frauen und als unabhängige Europaabgeordnete der Linken praktisch-politisch als Intellektuelle das Denken Beauvoirs auf den Prüfstand stellte.
Programm
6. November, 18.15 Uhr
Einführung: Ursula Konnertz
Simone de Beauvoir: Rezeption, Wirkung und Aktualität eines Werkes
Podiumsdiskussion mit:
Elisabeth Moltmann-Wendel, Mitbegründerin der feministischen Theologie,
Biggi Bender, MdB, Bündnis 90/Die Grünen,
Schamma Schahadat, Literaturwissenschaftlerin, Gleichstellungsbeauftragte der Universität Tübingen
Moderation: Patricia Graf
13. November, 18.15 Uhr
Florence Hervé, Düsseldorf
Absolut: Simone de Beauvoir
20. November, 18.15 Uhr
Effi Böhlke, Berlin
Beauvoir und der Sozialismus
27. November, 18.15 Uhr
Ingrid Galster, Paderborn
Genese, Theorie und Praxis des Engagements bei Beauvoir und Sartre
04. Dezember, 18.00 Uhr
Film: Claude Chabrol 1984
The Blood of Others
(Das Blut der Anderen)
15. Januar, 18.15 Uhr
Barbara Holland-Cunz, Gießen
Die zwei Seiten der Freiheit.
Simone de Beauvoir und die Politische Theorie heute
22. Januar, 18.15 Uhr
Achtung Termin verschoben, ursprünglich 11. Dezember!
Ursula Konnertz, Tübingen
Alter und Geschlecht
Organisation
Patricia Graf, Universität Tübingen:
Institut für Politikwissenschaft
Rolf Frankenberger, Universität Tübingen: Institut für Politikwissenschaft
Ursula Konnertz, Universität Tübingen:
Studium Professionale; IZEW, Geschlechterstudien
Diese Veranstaltungsreihe erfolgt in Kooperation mit der Heinrich Böll Stiftung Baden-Württemberg und dem Rosa-Luxemburg-Forum Baden-Württemberg und wird unterstützt durch das TEA-Programm des Gleichstellungsbüros der Universität Tübingen
Simone de Beauvoir
Donnerstags 18 – 20 Uhr
Universität Tübingen
Kupferbau, Hörsaal 24
Eine interdisziplinäre Vortragsreihe
in Kooperation mit dem Institut für
Politikwissenschaft der Universität Tübingen.
