Frankreichs Kultur in der Corona-Krise

UlyssePixel_Shutterstock.com
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März 2020: Die menschenleere Place du Trocadéro in Paris zu Beginndes Lockdown

 

Interview

 

Gilt Frankreichs „exception culturelle“auch in der Corona-Krise? Wie hilft die Regierung der Branche und ihren Beschäftigten?


Am zweiten Juni hat in Frankreich die zweite Phase des „déconfinement“ begonnen, der Lockerungen der Corona-Einschränkungen. Überall außer im Département île-de-France um Paris herum, in dem die Fallzahlen noch zu hoch sind, dürfen Theater und Veranstaltungsorte nun wieder öffnen. Kinos bleiben noch bis zum 22. Juni geschlossen.
Kurz bevor Premierminister Edouard Philippe die Lockerungen am 28. Mai offiziell bestätigte, haben wir mit Manon Beguier gesprochen, um zu erfahren, wie sie aus der Inlandsperspektive die Auswirkungen des Lockdowns auf die Kulturbranche bewertet und was sie vonden Hilfsmaßnahmen hält, die Präsident Emmanuel Macron Anfang Mai angekündigt hat.

Roxane Kilchling: Manon, Du hast bis Ende letzten Jahres als Restaurateurin für das Schloss Vaux-le-Vicomte gearbeitet, das größte Schloss Frankreichs in Privatbesitz, nachdem außerdem das Schloss von Versailles inspiriert ist. Seitdem arbeitest Du nun für das Unternehmen Arthus Bertrand, das Schmuck und verschiedene Verdienstorden herstellt. Wie sieht Deine Arbeit dort genau aus?

Manon Beguier: Meine Arbeit ist im Grunde genommen der einer Archivarin recht ähnlich. Man muss dazu wissen, dass Arthus Bertrand seit 200 Jahren verschiedenste Orden und Abzeichen herstellt. Es haben sich also einige Archive gefüllt mit Entwürfen, Aufträgen, den entsprechenden Abzeichen und natürlich auch den Gussformen, die zur Herstellung verwendet wurden. Ich mache historische Recherchen,um herauszufinden, was zu welcher Zeit in Mode war, was heute als Inspiration für neue Orden dienen kann und bin auch in Kontakt mit Museen, die unsere Abzeichen ausstellen.

R.K.: Welche Auswirkungen hatte die Corona-Pandemie auf Deine Arbeit?

M.B.: Ich war seit Mitte März für einige Wochen in Kurzarbeit, dann gab es eine Übergangsphase mit zweieinhalb Tagen home officepro Wocheund seit diesem Monat habe ich das Glück, wieder hundert Prozent arbeiten zu können, ein bis zwei Tage im Büro und ansonsten im home office. Wenn ich noch als Restaurateurin für das Schloss Vaux-le-Vicomte arbeiten würde, wäre ich sicher stärker betroffen.Dort konnten sie jetzt zwar immerhin die Gärten wieder öffnen, aber ich bin nicht sicher, ob sie den Einnahmenverlust der sehr wichtigen Frühjahrsmonate so einfach werden wegstecken können. Ich nehme an, dass jetzt alle Hoffnungenauf die Weihnachtssaison gerichtet werden.

R.K.: Du hast viele Bekannte, die in Museen arbeiten. Die konnten ja größtenteils bereits seit dem 11. Mai wieder öffnen, da werden viele sicher aufgeatmet haben,nehme ich an?

M.B.: Ein sehr guter Freund von mir arbeitet in einem Museum, das unter anderem Orden ausstellt, die bei uns hergestellt wurden. Durch ihn habe ich ganz nah mitbekommen, wie das lief Anfang Mai. Die Öffnung galt nämlich nur für sogenannte „kleine Museen“. Also standen alle erstmal vor der Frage: sind wir ein kleines Museum oder nicht? Darum gab es eine wahre Kontroverse landesweit, es war nämlich leider nicht präzisiert worden, nach welchen Kriterien bewertet wird: geht es um die Fläche? Um die durchschnittliche Besucher*innenzahl? Um die Anzahl an Mitarbeitenden? Da gab esalso viel Unsicherheit und im Endeffekt sind sehr viele Museen noch geschlossen geblieben.Es war vielen selbst überlassen, die Sicherheit der Besuchenden und der Mitarbeitenden zu gewährleisten unter Einhaltung verschiedenster Standards und Regelungen. Das war für viele kleine Museen finanziell nicht umzusetzen.

R.K.: Dieser ersten Öffnungsphase ist viele Wochen lang einer der härtesten Lockdowns Europas vorangegangen. Ende April gab es dann den Aufruf eines Kollektivs aus namhaften Künstler*innen, darunter Stars wie Cathérine Deneuve, Juliette Binoche oder Jean Dujardin, die dem Präsidenten vorwarfen, die Kultur vergessen zu haben und an ihn appellierten, das wieder gut zu machen.Würdest Du dem zustimmen, dass die Kulturszene tatsächlich vergessen wurde?

M.B.: Ja, auf jeden Fall. Der ganze Lockdown ist gerade zu Beginn der Krise ziemlich unglücklich gelaufen hier in Frankreich, niemand war vorbereitet. Es war wirklich eine kalte Dusche, wie wir sagen. Macron hat dann sehr schnell den kleinen Unternehmen und den Selbstständigen geholfen. Das war nicht verwunderlich, er hat sich auch in der Vergangenheit schon für sie eingesetzt. Die ersten Hilfsmaßnahmen wurden also getroffen und dann ist wochenlang nichts passiert. Viele Bereiche wurden vergessen, besonders der Kulturbereich. Da ist es fast schon zynisch, dass Macron in einer seiner ersten Ansprachen davon redete, dass jetzt die Zeit sei, sich zu kultivieren und beispielsweise virtuelle Ausstellungen anzusehen. Viele Museen haben sehr schnell reagiert und virtuelle Angebote gemacht. Das waren aber ihre eigenen Initiativen, die nicht von der Regierung unterstützt wurden. Hier wurde einiges für selbstverständlich gehalten.

R.K.: Die zentrale Forderung des vorhin erwähnten Künstler*innen-Kollektivs war die Verlängerung des Status der sogenannten „intermittents de spectacle“. Das ist ein besonderer arbeitsrechtlicher Status in Frankreich, der Kulturschaffende ohne ständiges Beschäftigungsverhältnis schützt. Wer innerhalb eines Jahres 507 Stunden arbeitet, hat Anspruch auf Arbeitslosengeld. Gefordert wurde, diesen Zeitrahmen zu verlängern, damit die betroffenen Künstle*:innen, Bühnentechniker*innen, Kameraleute, etc. länger Zeit haben, um ihre Arbeitsstunden zu akkumulieren. Diese Forderung wurde gehört und der Zeitraum bis August 2021 verlängert. Das hat sicher für große Erleichterung gesorgt in der Branche?

M.B.: Ja, das hat große Erleichterung bedeutet für sehr viele Menschen in verschiedenen Berufen, die ohnehin schon unter prekären Umständen arbeiten. Dazu ist auch wichtig zu wissen, dass dieser Zeitraum nicht an das Kalenderjahr gebunden ist. Besonders in den größeren Städten, in denen aufgrund der Proteste der Gelbwesten über Wochen und Monate Kulturveranstaltungen abgesagt wurden, waren die „intermittents“also schon vor Corona kaum in der Lage, genügend Stunden vorzuweisen. Für viele ist die Verlängerung also wirklich existenzsichernd.

R.K.: In seinem „Plan für die Kultur“ ist Macron Anfang Mai nicht nur auf diese Forderung eingegangen, sondern hat noch weitere Maßnahmen angekündigt. Darunter ein großes Programm öffentlicher Aufträge und ein Fonds für ausgefallene Filmproduktionen. Was hältst Du von seinem Plan?

M.B.: Ich denke dieser Plan zeigt, dass die Regierung bereit ist, die Kultur zu unterstützen und viel Geld dafür auszugeben. Künstler*innen zu fördern und Initiativen zu unterstützen ist an sich sehr positiv. Es ist nur schade, dass es so eine Krise braucht, damit der Fokus auf die Kultur gelegt wird. Sicher gibt es auch viele Französinnen und Franzosen, die sagen würden, dass das wieder mal viel zu unkonkret bleibt. Es stimmt auch, dass das erst einmal nur die Direktiven sind und es natürlich auf die Umsetzung ankommt. Ein Programm öffentlicher Aufträge halte ich für sinnvoll, um einiges wieder anzukurbeln. Ich denke, dass darauf aufbauend neue Initiativen und Kooperationen entstehen können, die es bisher nicht gegeben hat. Auch den Fonds für Filmproduktionen finde ich gut, das käme dem französischen Kino sicher zugute. Allerdings nützt der den Kinobetreibenden und den kleinen Kulturzentren natürlich nichts.

R.K.: Dass Kinos und Veranstaltungsorte sich noch gedulden müssen, hatte Macron ja eingeräumt und dabei an das „génie français“ appelliert, kreative und gleichzeitig verantwortungsvolle Lösungen zu finden.

M.B.: Ja, das hat uns schmunzeln lassen. Was soll das sein, das „génie français“? Glaubt wirklich jemand, dass wir in Frankreich da mehr können als andere? Ich weiß ja nicht...Sein Plan ist in vielen Punkten sehr positiv. Allein, dass er ihn vorgeschlagen hat, finde ich schon gut. Man sieht ja, dass längst nicht alle Regierungensich speziell der Kultur gewidmet haben. Außerdem enthält er auch einige Details, die wir jetzt nicht besprochen haben, die aber sehr konkret sind. Zum Beispiel sollen freie Autor*innen vier Monate lang keine Sozialabgaben zahlen müssen. Einen Vorschlag finde ich allerdings etwas fragwürdig und viele andere haben sich darüber auch gewundert: Macron hat vorgeschlagen, dass Künstler*innen sich in Schulen und in der Jugendarbeit besonders in den Banlieues engagieren sollen und beispielsweise Kunstunterricht geben...Das scheint mir nicht durchdacht. Möglicherweise wollte er da an einen Vorstoß von Hollande von vor einigen Jahren anknüpfen zur Stärkung des Kunst- und Musikunterrichts in den Schulen, das ist damals im Sand verlaufen. Jedenfalls kann ich mir nicht vorstellen, dass das für Künstler*innen ein attraktives Angebot ist.

R.K.: Wenn Du Dir das Kulturleben in Frankreich im Mai 2021vorzustellen versuchst, denkst Du, dass sich durch die jetzige Krise und die bevorstehende Wirtschaftskrise tiefgreifende Veränderungen ergeben werden?

M.B.: Das ist eine schwierige Frage. Ich denke, die großen Einrichtungen werden es überstehen. Die großen Kinos, die großen Museen, für die wird es weniger problematisch sein. Bei den kleineren Einrichtungen, also lokale Kinos, kleine Theater und so weiter, dawird es Verluste geben. Ich hoffe sehr, dass der Stolz der Leute auf ihre lokalen Einrichtungen und Strukturen stark genug sein wird, um sie nicht eingehen zu lassen. Ich sehe das in meinem Freundeskreis in Paris. Wir warten alle sehnlichst darauf, wieder an unsere Lieblingsorte gehen zu können, seien es Clubs oder Theater, Bars mit Livemusik...und haben fest vor, sie dann umso mehr zu unterstützen und zu verhindern, dass sie zu machen müssen. Ich hoffe, dass diese Loyalität stark genug sein wird. Gleichzeitig sind durch den Lockdown so viele digitale Initiativen entstanden, an die man sich sonst vielleicht noch längst nicht gewagt hätte. In einem kleinen Theater in Paris haben Schauspieler*innen Soloauftritte vor leerem Saal gestreamt beispielsweise. Oder die zahllosen Orchester und Chöre, die gemeinsam musiziert haben per Videokonferenz. In diesem Digitalisierungsschub im Kulturbereich liegt auch eine große Chance, Zugänge zu erleichtern oder überhaupt erst zu schaffen. Wenn im Mai 2021 Schüler*innen eines Collège in Seine-Saint-Dénis im Geschichtsunterricht eine virtuelle Führung durch das Schloss von Versailles machen und Le Sacre de Napoléon von David vom Laptop aus ansehen können, fände ich das großartig.


Info: Wie steht es um die deutsche Kulturszene in der Corona-Krise?

Im Gegensatz zu Frankreich ist in Deutschland Kulturpolitik Ländersache. Aus diesem Grund durften in einigen Bundesländern selbst Kinos unter Auflagen bereits wieder öffnen, während in anderen zögerlicher mit Lockerungsmaßnahmen umgegangen wird.
In Baden-Württemberg hat das Kunstministerium Mitte Mai einen „Masterplan Kultur BW | Kunst trotz Abstand“ vorgelegt. Erste Kunst- und Kultureinrichtungen wie Museen und Bibliotheken konnten bereits Ende April bzw. Anfang Mai wieder öffnen. Kulturveranstaltungen in kleineren Formaten mit unter 100 Personen sind seit dem 1. Juni wieder möglich – „wenn die räumlichen Bedingungen das zulassen und die Einhaltung von Hygiene- und Abstandsvorgaben zum Schutz des Publikums und der Mitwirkenden garantiert werden kann“. Außerdem wurde ein Notprogramm in Höhe von 40 Milliarden Euro auf den Weg gebracht. Innerhalb dieses Programms soll es einen Nothilfefonds geben für wirtschaftlich gefährdete Kunst-und Kultureinrichtungen sowie für Vereine. Außerdem soll ein Impulsprogramm „Kunst trotz Abstand“ gezielt solche Veranstaltungen unterstützen, die auch unter Einhaltung der Abstands-und Hygienemaßnahmen stattfinden können.