Veranstaltungsreihe zum 100sten Geburtstag von Hannah Arendt

in Kooperation mit der Stadt Heidelberg, Amt für die Gleichstellung von Frau und Mann, und dem Deutsch Amerikanisches Institut Heidelberg

 

Als Denken ohne Geländer bezeichnet Hannah Arendt (1906-1975) ihre Arbeit. Nicht nur für Václav Havel gehörte sie zu den wichtigsten Denkenden überhaupt. Arendt lesen, heißt: selbst denken. Ihre Botschaft ist an Bürgeinnen und Bürger demokratischer Gesellschaften gerichtet. Ihr Appell richtet sich auf ein Handeln in Verantwortung für sich und für andere, auf Respekt, Pluralität und gegenseitiges Vertrauen.

"Verstehen heißt", schrieb sie einmal, "die Last, die unser Jahrhundert uns auferlegt hat, untersuchen und bewusst ertragen - und zwar in einer Weise, die weder deren Existenz leugnet noch sich unter deren Gewicht duckt. Kurz gesagt: Verstehen heißt, unvoreingenommen und aufmerksam der Wirklichkeit, wie immer sie ausschauen mag, ins Gesicht zu sehen und ihr zu widerstehen."

 

Die ungarische Philosophin Agnes Heller, wie Arendt durch eine Diktatur zur Emigration gezwungen, fasste ihre Faszination in folgende Worte: "Hannah Arendt ist auch einer meiner Freunde im Denken. Weil sie der Versuchung widerstanden hat, ein System zu schaffen, weil sie alle 'Ismen' verabscheute, weil sie die Marginalität akzeptierte, ohne sich damit selbst weh zu tun oder zu verbittern. Weil sie in den Begriffen von Vergänglichkeit und Endlichkeit dachte. Weil sie unserem Zeitalter und unserem Wissen keine privilegierte Position in der sogenannten Geschichte zuordnete; weil sie ihrer Fehlbarkeit bewusst war; weil sie leidenschaftlich war, aber nie zornig; ... weil ihre Philosophie freundlich und einladend ist."

 

Hannah Arendt lebte von 1925 bis 1929 in Heidelberg. Die folgende Reihe ist ihrem Gedenken gewidmet.


Mi, 11. Oktober, 20.00 Uhr  
Aus dem Briefwechsel zwischen Hannah Arendt und Karl Jaspers

Lesung und Gespräch mit Giandomenico Bonanni und Jens Kertscher

VorleserInnen:  Rainer M. Holm-Hadulla und Miriam Gruden
Ort: Deutsch Amerikanisches Institut Heidelberg


Die Korrespondenz zwischen Hannah Arendt und Karls Jaspers - es sind an die 420 Briefe erhalten - ist eines der eindrucksvollsten zeitgeschichtlichen Dokumente der Nachkriegszeit und zugleich das Zeugnis einer außergewöhnlichen Freundschaft. Für Arendt und Jaspers wurde nach dem Nationalsozialismus zur wichtigsten Frage, was angesichts eines immer wieder möglichen Einbruchs der Barbarei noch standhalten kann. Gelesen wird aus dem Briefwechsel zwischen Hannah Arendt und Karl Jaspers, der 1926 mit Arendts Studienwechsel nach Heidelberg begann und 1969 mit dem Tod von Jaspers endete. Der Jaspers-Kenner Giandomenico Bonanni ergänzt die Lesung durch zeit- und werkgeschichtliche Informationen. Es moderiert Jens Kertscher.

 

Giandomenico Bonanni hat Philosopie und Geschichte in Rom, Tübingen und Heidelberg studiert. Er lebt als freier Autor in Heidelberg und ist Kurator der Ausstellung "Karls Jaspers: Das Buch Hannah" (Literaturmuseum der Moderne, Marbach, bis 26.11.2006).

 

Jens Kertscher ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Philosopie der TU Darmstadt. Er ist Autor von Aufsätzen zur Sprachphilososphie, Ethik und politischen Philosophie. Zuletzt veröffentlichte er als Mitherausgeber "Wittgenstein und die Metapher" (2004).

 

Rainer M. Holm-Hadulla hat Medizin und Philosophie studiert und ist als Psychotherapeut und Psychoanalytiker tätig. Er leitet die PBS des Studienwerks und lehrt an der Uni Heidelberg. Letzte Veröffentlichung "Kreativität - Konzept und Lebensstil" (2005).

 

Di, 17. Oktober, 20.00 Uhr 
 „Wie Wetter ohne Schirm“ - Rahel Varnhagen, eine deutsche Jüdin aus der Romantik im Werk von Hannah Arendt

Vortrag: Susanne Himmelheber
Ort: Buchhandlung Himmelheber, Heidelberg

 

1929, ein Jahr nach ihrer Promotion bei Karl Jaspers in Heidelberg begann Hannah Arendt mit ihren Forschungen zum „Problem der deutsch-jüdischen Assimilation, exemplifiziert an dem Leben der Rahel Varnhagen“. Gefördert von der Notgemeinschaft der Deutschen Wissenschaft arbeitete Hannah Arendt im Varnhagen Archiv, damals in der Preußischen Staatsbibliothek. Das Manuskript begleitete sie in  die Emigration, erst 1958 erschien „Rahel Varnhagen. The Life of a Jewess.“ in London, die deutsche Ausgabe folgte 1959. Im Vorwort beschreibt Hannah Arendt nicht nur die Gründe sondern auch den Stil, in dem sie die „Lebensgeschichte einer Jüdin in der Romantik“ abfasste: „ Was mich interessierte war lediglich Rahels Lebensgeschichte nachzuerzählen, wie sie selbst hätte erzählen können ... Worauf es ihr ankam, war, sich dem Leben so zu exponieren, dass es sie treffen konnte, „wie Wetter ohne Schirm“. Die Unterschiede und die Parallelen zu Hannah Arendts eigenem Schicksal werden.

 

Susanne Himmelheber, Kunsthistorikerin und Buchhändlerin, zahlreiche Veröffentlichungen zu kunsthistorischen Themen,  zuletzt (2006) über Friedrich Martinotto „Die Zeit in Heidelberg und Oviga“.


Mi, 8. November, 20.00 Uhr 

 „Damit ein Anfang sei..." – Hannah Arendt über Verzeihen und Versprechen

Vortrag: Mechthild Hetzel und Andreas Hetzel
Ort: Deutsch Amerikanisches Institut Heidelberg

 

Die Möglichkeit des Handelns bindet sich für Hannah Arendt an die Fähigkeiten zu verzeihen und zu versprechen. Das Verzeihen wirkt als "Heilmittel" gegen die Unwiderruflichkeit des Getanen, das Versprechen als "Heilmittel" gegen die "chaotische Ungewißheit alles Zukünftigen". Die von uns gegebenen Versprechen werfen "Inseln des Voraussehbaren" in ein "Meer der Ungewißheit". Sie unterscheiden sich damit diametral vom planenden Entwurf des Herstellens, der einen Weg bahnt, welcher "nach allen Seiten gesichert ist". Das Versprechen überantwortet sich der Ungewissheit der Zukunft. In vergleichbarer Weise richtet sich das Verzeihen gerade auf das Unverzeihliche, auf eine Schuld, die nicht ungeschehen gemacht werden kann.
Im Verzeihen und Versprechen wird für Arendt die grundlegende Fähigkeit des Menschen sichtbar, immer wieder ganz neu anfangen zu können. Der Vortrag beschäftigt sich mit diesen beiden höchst aktuellen Begriffen von Hannah Arendts politischem Denken.

 

Mechthild Hetzel ist Lehrbeauftragte für ethische Grundfragen im Fach Soziologie der Behinderten an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg und Promotionsstipendiatin der Hans-Böckler-Stiftung am Institut für Philosophie der TU Darmstadt. Zahlreiche Veröffentlichungen zur Ethik und zu aktuellen Fragen der politischen Philosophie.

 

Andreas Hetzel ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Philosophie der TU Darmstadt. Seine Arbeitsgebiete sind u. a. Sozial- und Kulturphilosophie sowie politische Philosophie. Er ist Autor von Zwischen Poiesis und Praxis. Elemente einer kritischen Theorie der Kultur (2001), als Mitherausgeber erschien zuletzt: Die Unendliche Aufgabe – Kritik und Perspektiven der Demokratietheorie (2006).


Fr, 10. 11. 06 - 20.00 Uhr
Hannah Arendt und Martin Heidegger

Vortrag und Lesung: Prof. Dr. Antonia Grunenberg

Ort: Deutsch Amerikanisches Institut Heidelberg


Eine 18jährige jüdische Philosophiestudentin trifft 1924 in Marburg auf einen rebellischen Philosophieprofessor. Zwischen Hannah Arendt und Martin Heidegger entwickelt sich eine stürmische Liebesbeziehung. 1933 muß sie aus Deutschland fliehen. Ihr Geliebter begeistert sich für die Nationalsozialisten.
Nach dem Krieg begegnen sich beide wieder, und es beginnt ein kontroverser Dialog über ein Jahrhundert der Zerstörung. Die ausgewiesene Arendt-Kennerin Antonia Grunenberg entwirft in ihrem neuen Buch ein großes Panorama der Zeit. Sie hat Zeitzeugen befragt und neue Quellen erschlossen. Politik, Geschichte, Philosophie, Arendts Heidelberger Doktorvater und Heideggers Kollege Karls Jaspers: Vor diesem Hintergrund erzählt sie die Geschichte des umstrittensten Liebespaares des 20. Jahrhunderts.

 

Antonia Grunenberg ist Professorin für Politikwissenschaft an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg und Leiterin des dortigen Hannah Arendt-Zentrums. Bücher u. a. Die Lust an der Schuld. Die Macht der Vergangenheit über die Gegenwart (2001), Arendt (2003).

 

 

Programm Druckversion

 

Presse Gedenktafel

 

Infos und Anmeldung:

Heinrich Böll Stiftung Baden-Württemberg e.V.

Rieckestr. 26, 70190 Stuttgart

Tel. 0711/2633 94-10, Fax - 19

info@boell-bw.de

www.boell-bw.de

 

 

Enthüllung der Gedenktafel für Hannah Arendt mit Heike Schiller-Schenten, Heinrich Böll Stiftung Baden-Württemberg, Dörthe Domzig, Gelichstellungsbeauftragte der Stadt Heidelberg und Oberbürgermeisterin Beate Weber.