Tirana 2020: Kein Erinnern, kein Diskurs

In Tirana schwindet der historische Baubestand. Denkmalgeschützte Objekte verlieren über Nacht ihren Status und werden am nächsten Tag abgerissen. Im vergangenen Jahr wurden mindestens zehn Villen dem Erdboden gleichgemacht. An ihrer Stelle entstehen mehrgeschossige Wohn- und Geschäftshäuser durch private Investoren. Das nützt den Bewohnern der Stadt nichts.

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Villa Pustina (1927): Abgerissen im Oktober 2020

100 Jahre Geschichte

 Die meisten dieser Villen entstanden nachdem Tirana 1920 zur Hauptstadt erklärt wurde, berichtet Doriana Musaj. Die 37-jährige Stadtplanerin unterrichtet an der Polis Universität in Tirana. Aufgrund der engen Anbindung König Ahmet Zogus an Italien entsprangen viele der Villen den Entwürfen italienischer Architekten. Ihnen verdankt Tirana auch seine Hauptachse und einen Teil der Monumentalarchitektur. In den Villen ließen sich Beamte und wohlhabende Kaufläute nieder. Daran, dass auch König Zogu in einer von ihnen lebte, erinnert heute nichts. Die Villa Njuma (1924) liegt unscheinbar hinter einer hohen Mauer, umzingelt von achtgeschossigen Gebäuden. 

Gemeinsam mit den Journalisten von Citizen Channel recherchiert Doriana seit Monaten zum historischen Erbe der Stadt, besichtigt die Villen und spricht mit Bewohnern. Auf der Webseite „Urban Stories“ haben sie die Ergebnisse aufgearbeitet: Über eine interaktive Karte lassen sich die Villen erkunden. Dort finden sich Informationen zu den Gebäuden sowie Videos in denen Bewohner ihre Geschichten erzählen. Das Projekt ist eine Reaktion auf die mangelnde Transparenz der zuständigen Behörden, die Tiranas Bürger darüber im Unklaren lassen, was mit dem kulturellen Erbe der Stadt passiert, erklärt Journalist Lorin Kadiu. Inspiriert hat ihn der Blick vom Balkon seines Büros. Aus dem fünften Stockwerk ist der rasante Wandel der Stadt kaum zu übersehen. 

 

Im Interview auf Urban Stories berichtet der Eigentümer der Villa Njuma, wie sein Großvater nach der Fertigstellung des Hauses zur Audienz beim König gebeten wurde, um es ihm anschließend für einige Jahre zu überlassen. Während er die Geschichte des Hauses erzählt, steigt er behutsam die Holztreppe hinauf und führt die Journalisten auf den Balkon. Einst reichte der Blick bis zur Moschee am Skanderbeg-Platz im Zentrum der Stadt. Heute versperren die Wohntürme der letzten Jahrzehnte die Sicht.

 Nach der Machtübernahme durch die kommunistische Partei 1944 etablierte Enver Hoxha eine Geheimdienstherrschaft, füllte Straflager und isolierte das Land von der Außenwelt. Profiteure der Königsdiktatur, also jene die in den Villen Tiranas lebten, fielen dem Regime zuerst zum Opfer. Einige wurden vertrieben, enteignet, verhaftet oder exekutiert. Andere wurde gezwungen, fremde Familien bei sich aufzunehmen. Nicht selten waren die neuen Untermieter damit beauftragt, die Hauseigentümer zu bespitzeln. Worüber wurde zu Hause gesprochen? Welche Bücher wurden gelesen? Auch in der Villa Njuma wohnten bis in die sechziger Jahre zwangsweise einquartierte Mieter. 

 Währenddessen gestaltete das Hoxha-Regime die Stadt nach sozialistischem Muster. Die Regulierung beschränkte sich nicht auf den öffentlichen Raum – der lange Arm des Diktators reichte bis in die Wohnzimmer. Nachdem Albanien 1967 zum atheistischen Staat erklärt wurde, gingen Parteisoldaten von Tür zu Tür und sammelten sakrale Gegenstände ein. Auch die Mobilität der Bürger unterlag strenger Kontrolle, der Wohnort war nicht frei wählbar. 

 Auf die Jahrzehnte der top-down Planung folgte eine Phase der Anarchie: Mit der Wende 1991 setzte eine extreme Landflucht ein. Die Abwanderung war eine Reaktion auf die neugewonnene Bewegungsfreiheit sowie die problematischen Lebensverhältnisse in den ländlichen Regionen. Mit der Hoffnung auf eine bessere Zukunft machten sich Zehntausende auf den Weg in die Hauptstadt. Bis 2001 hatte mehr als die Hälfte der Bevölkerung ihren ursprünglichen Wohnort verlassen. In Tirana angekommen, besetzten sie Freiflächen oder leerstehende Villen ebenso wie die stillgelegten Industrieanlagen am Rande der Stadt. Selbst Grün- und Parkanlagen wurden in Eigeninitiative umgewidmet. Informelles Wohnen wurde zu einem Massenphänomen. An Denkmalschutz war in dieser Zeit nicht zu denken, sodass ganze Stadtviertel innerhalb weniger Jahre bauliche überformt wurden. 

 Die Villen, die diese Zeit überstanden, erzählen einhundert Jahre Geschichte. Sie zeugen von der Urbanisierung Tiranas, europäischer Architekturgeschichte, Jahrzehnten der Repression und dem Chaos der Transformationsphase. Das einhundertste Hauptstadtjahr hätte Gelegenheit zur Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit geboten. Stattdessen riss die Stadt potentielle Erinnerungsorte ab.

 Grande Finale 

 Aufgrund der Enteignungspolitik Hoxhas und der informellen Stadtentwicklung der letzten Jahrzehnte ist der Rechtsstatus vieler Grundstücke und Gebäude heute unklar. Für einige Villen bedeutet das: Sie verfallen während sich ihre potentiellen Eigentümer in jahrelangen Gerichtsprozessen befinden. Am Ende entscheiden sich die Parteien häufig für den Verkauf statt hohe Sanierungskosten. 

 Ob ein Objekt unter Denkmalschutz gestellt wird, hat nichts mit dem Zustand des Gebäudes zu tun. Zwar bleiben die Kriterien nach denen der Status vergeben oder aufgehoben wird meist unklar - ohne Erklärung verschwinden Monumente von der Liste. Immer wieder scheint es aber, als nutzten die Behörden den Status als Instrument für Bodenspekulation. Das passt in die neoliberale Agenda des Premierministers. Seit Jahren setzt die Regierung in allen Wirtschaftsbereichen auf Public Private Partnerships, die meist in undurchsichtigen Verfahren zugunsten privater Unternehmen vergeben werden. Auch die stadtentwicklungspolitische Zielsetzung Tiranas orientiert sich an Profitmaximierung im Immobiliensektor. 

 Tiranas aktueller Bürgermeister Erion Veliaj setzt dafür auf Stararchitekten und Stadtmarketing. Große Projekte werden vorwiegend an ausländische Büros vergeben. Seither erscheint Tirana in Hochglanzmagazinen und ausländischen Architekturzeitschriften. Erfolgreich inszeniert er das Bild einer menschenfreundlichen Stadt. Dabei hat Tirana ein massives Umweltproblem. Im Ranking der Länder mit den meisten durch Verschmutzung verursachten Todesfällen in Europa rangiert Albanien auf Platz zwei.[1] Schuld daran ist auch die Luftverschmutzung durch Verkehr und Baustellen in der Hauptstadt.  

 Die Tatsache, dass ausländische Architekten die Stadt gestalten, bezeichnet Doriana als „kolonialen Prozess“. Albanische Architekten haben ebenso wenig Mitbestimmungsrecht wie die Bewohner der Stadt. Es gibt kaum Beteiligungsverfahren oder Anhörungen, nur selten werden Bürger bei Bauvorhaben konsultiert. 

 Unmittelbare Folgen sind Verdrängung und eine zunehmende Privatisierung öffentlicher Räume. Zivilgesellschaftliche Akteure finden in Tirana keinen Platz mehr. Das Sozialzentrum LOGU, Treffpunkt der Studentenbewegung, muss demnächst ein drittes Mal umziehen, weil das aktuelle Gebäude einem Wohnturm weichen soll. „Wir verlieren unseren Platz an Bauträger. Die Reichen rauben unser Land”, formuliert der Aktivist Nebih Bushaj. Mit den Villen verschwinden auch potentielle Emanzipationsräume. Gleichzeitig verdrängen steigende Mietpreise die Studierenden aus dem Zentrum. Damit werden auch urbane Bewegungen wie der Studentenprotest nachhaltig erschwert. 

 Die Entwicklung schadet auch jenen, die bleiben können. Denn die infrastrukturelle Entwicklung konnte dem rasanten Stadtwachstums der letzten Jahrzehnte nicht standhalten. Am Ende der kommunistischen Epoche zählte Tirana noch 245.000 Einwohner, zehn Jahre später bereits 341.000 und heute etwa eine Million. Die nachträgliche Installation von Kanalisation, Strom und Verkehr gestaltet sich schwierig, sodass einige Haushalte in den Sommermonaten nur an wenigen Stunden über fließendes Wasser verfügen. Die zunehmende Verdichtung durch mehrgeschossige Wohnbauten dürfte die Infrastruktur zusätzlich belasten.             

 Das Erdbeben vom November 2019 offenbarte das Ausmaß der baulichen Enge. Niemand konnte sich in den Häuserschluchten sicher fühlen. In Ermangelung von Freiflächen verließen die Menschen die Stadt und schliefen in ihren Autos auf den Parkplätzen der Shoppingmalls oder auf dem Standstreifen der Autobahn. 

 Viele Bewohner können sich mit der Stadt nicht mehr identifizieren. „Ich erinnere mich an ein Tirana, das nach Orangenbäumen duftete“, erzählt die Aktivistin Gresa Hasa. „Doch ich kann keine visuellen Erinnerungen beleben, weil mir die Orte genommen wurden. Ich kann die Spuren meiner Kindheit nicht mehr finden. Die Stadt hat sich in ein Betonmonster verwandelt, von dem ich mich zunehmend entfremdet fühle.“

 Dennoch wird unaufhörlich weitergebaut. Wer dieser Tage über den Skanderbeg-Platz läuft, dürfte in jede Himmelsrichtung mindestens einen Baukran entdecken. Der permanente Bauzustand soll Aufschwung suggerieren und ausländische Direktinvestitionen generieren. Dabei ist völlig unklar, für wen hier eigentlich gebaut wird. Denn der Zustrom hat sich mittleiweile verlangsamt, sodass zahlreiche Neubauten unbewohnt bleiben. Wer bei Einbruch der Dunkelheit durch Tirana spazieren geht, kann Wohnblöcke finden in denen kein einziges Licht brennt. Gleichzeitig nimmt die Gesamtbevölkerung Albaniens stetig ab: Von 3,87 Millionen 1991 auf 2,87 Millionen im Jahr 2020.[2] Immer wieder werden deshalb Vorwürfe geäußert, das Geld stamme aus dem Drogenhandel und die Bauprojekte dienten der Geldwäsche. 

 Erst kürzlich veröffentlichten albanische Medien die Transkripte von Telefonmitschnitten aus den Ermittlungen italienischer Behörden gegen die kriminelle Gruppe „Ndrangheta“.[3] Sie gilt als mächtigste Mafia-Organisation Europas, soll den Kokainhandel dominieren und mehrere Wirtschaftszweige infiltriert haben. In einem der aufgezeichneten Gespräche bekunden vermeintliche Clan-Mitglieder ihr Interesse, in die albanische Baubranche zu investieren. Dabei helfen soll ein dem Premierminister Rama und Bürgermeister Veliaj nahestehender Geschäftsmann. Während beide die Verstrickungen bestreiten, berichten lokale Medien seit Jahren über angebliche Verbindungen der Gruppe in die albanische Politik.

Zunehmend regt sich Protest gegen die autoritäre Entscheidungsfindung und Intransparenz. Aktivisten fordern ihr Gestaltungsrecht und wehren sich gegen die Bauvorhaben. Bis über die Landesgrenzen hinaus bekannt wurde der Protest gegen den Abriss des Nationaltheaters, an dessen Stelle eine Shopping-Mall entstehen soll. Monatelang hielten Schauspieler und Aktivisten das Gebäude besetzt. 

 

Doch das aggressive Bauen duldet keinen Widerstand. Als das Coronavirus Albanien erreichte, verhängte die Regierung wiederholt Ausgangssperren. Nach jedem Lockdown wies die Stadt neue Lücken auf. Denn während niemand das Haus verlassen durfte, ließ die Regierung die Villen abreißen. „Fünf davon in zwei Wochen“, berichtet Lorin. „Und am Ende dann das Nationaltheater als grade finale. Danach wurde die Ausgangssperre aufgehoben und wir durften rausgehen und sehen, was von der Stadt übriggeblieben war. 


[1] EEA: Health environment, healthy lives: how the environment influences health and well-being in Europe, EEA Report No 21/2019, URL:https://www.eea.europa.eu/publications/healthy-environment- healthy-lives,December 22nd,2020.  

[2] Statista: total population of Albania up to 2025, 10.2020, URL:https://de.statista.com/statistik/daten/studie/388962/umfrage/Gesamtpopulation-von-albanien/, 22.12.2020.   

[3] Oranews: Ekskluzive / Mafia italiane në Tiranë ?! Ora News zbardh përgjimet, biseda për pallate e tendera në shëndetësi, January 22nd, 2021, URL:https://www.oranews.tv/ekskluzive-mafia-italiane-ne-tirane-ora-news-zbardh-pergjimet-biseda-per -pallate-e-tendera-ne-shendetesi /, 29.01.2021.


Dieser Artikel erschien zuerst hier: al.boell.org