Was bedeutet der Sturz des Assad-Regimes für die Menschen in Syrien, und welche politischen wie gesellschaftlichen Perspektiven eröffnen sich?
Syriens Zukunft: Zwischen Aufbruch und existenzieller Not
Was bedeutet der Sturz des Assad-Regimes für die Menschen in Syrien, und welche politischen wie gesellschaftlichen Perspektiven eröffnen sich? Diesen Fragen widmeten sich zwei Gesprächsabende der Heinrich-Böll-Stiftung Baden-Württemberg am 5. und 6. Mai 2026 in Freiburg und Stuttgart. Die Veranstaltungsreihe entstand im Rahmen des Projekts „Die Zukunft Syriens" und war zugleich Praktikumsprojekt von DZK.
Als Referent*innen waren Kristian Brakel, Büroleiter der Heinrich-Böll-Stiftung in Beirut mit Zuständigkeit für Syrien, Irak und Libanon, sowie die syrisch-deutsche Journalistin Mayss Shehawi eingeladen. Neun Leitfragen strukturierten die Veranstaltungen und eröffneten einen offenen, lebendigen Austausch, in dem die beiden Referent*innen nicht nur auf Moderationsfragen antworteten, sondern auch miteinander in den Dialog traten.
Sturz des Regimes, offene Fragen
Mayss Shehawi hob hervor, dass der Sturz des Assad-Regimes viele Syrer*innen überrascht habe und seitdem zahlreiche politische und gesellschaftliche Fragen neu verhandelt würden. Gleichzeitig wies sie darauf hin, dass für viele Menschen im Land derzeit existenzielle Fragen im Vordergrund stünden: wirtschaftliche Unsicherheit, hohe Armut und die langfristigen Folgen des Bürgerkriegs prägten den Alltag. Fragen nach politischer Teilhabe oder demokratischen Strukturen träten angesichts dieser Realität häufig in den Hintergrund.
Auch die Rolle von Frauen im gesellschaftlichen Transformationsprozess kam zur Sprache. Viele Frauen hätten während des Krieges zentrale Verantwortung in Familien und Gemeinschaften übernommen und verfügten derzeit nur begrenzt über Kapazitäten, sich aktiv in politische Veränderungsprozesse einzubringen. Die geringe Repräsentation von Frauen in politischen Institutionen bewerteten beide Referent*innen kritisch und ordneten sie teilweise als symbolisch ein.
Sicherheit, Waffen und Minderheiten
Ein weiterer Schwerpunkt lag auf Fragen von Sicherheit und Minderheitenrechten. Bewaffnete Strukturen blieben in Teilen des Landes präsent; für Minderheiten fungierten Waffen häufig als Mittel des Selbstschutzes. Mayss Shehawi schilderte eigene Erfahrungen und Unsicherheiten im Zusammenhang mit ihrer Zugehörigkeit zu einer kleineren syrischen Minderheit. Kristian Brakel ergänzte, dass Debatten über Minderheitenrechte oft aus einer europäischen Perspektive geführt würden und die gesellschaftlichen Dynamiken innerhalb Syriens eine differenzierte Betrachtung erforderten.
Zivilgesellschaft, Diaspora und internationale Akteure
Zum Abschluss rückten zivilgesellschaftliche Akteure innerhalb Syriens und in der Diaspora in den Fokus. Kristian Brakel erläuterte, wie Syrien in die europäische Außenpolitik eingebettet ist, und verwies darauf, dass die EU das Land häufig vor allem über die Zusammenarbeit mit Nichtregierungsorganisationen adressiere. In den Fragerunden vertieften die Teilnehmenden insbesondere die Themen Minderheitenschutz, regionale Einflussakteure wie die Türkei und Israel sowie die künftige Rolle der EU.
Die Veranstaltungsreihe richtete sich an die interessierte Öffentlichkeit und entstand in Kooperation mit dem Migrant*innenbeirat Freiburg sowie der Stiftung Geißstraße.