Lokaljournalismus in der Krise: Wie die demokratische Infrastruktur vor Ort gestärkt werden kann
17. Juni 2026, 16.00–19.00 Uhr im Literaturhaus Stuttgart
Eine gemeinsame Veranstaltung der Heinrich-Böll-Stiftung und der Heinrich Böll Stiftung Baden-Württemberg
Der Lokaljournalismus erfüllt für das demokratische Gemeinwesen eine Schlüsselrolle. Er informiert über kommunalpolitische Entscheidungen, macht lokale Entwicklungen sichtbar und schafft einen gemeinsamen öffentlichen Gesprächsraum. Doch dieses Fundament gerät zunehmend unter Druck: Geschäftsmodelle brechen weg, die Bindung an klassische Medien nimmt ab, junge Menschen werden oft gar nicht mehr erreicht.
Vor diesem Hintergrund luden die Heinrich Böll Stiftung Baden-Württemberg und die Heinrich-Böll-Stiftung (Bund) zu einem Austausch über Diagnosen, Förderansätze und Handlungsempfehlungen ein. Der Einladung gefolgt waren rund 30 Vertreter*innen aus Medien, Verbänden, Politik und Kommunalverwaltung, die unter Chatham House Rule die Frage diskutierten, wie eine funktionierende lokale Öffentlichkeit auch künftig gesichert werden kann.
Das „Erdgeschoss der Demokratie“ gerät ins Wanken
In der Diskussion wurde der Lokaljournalismus als „Erdgeschoss der Demokratie“ beschrieben. Er schließt die Lücke zwischen politischen Entscheidungen und den Menschen vor Ort. Gleichzeitig zeigen zahlreiche Kennzahlen eine besorgniserregende Entwicklung: Redaktionen schrumpfen, lokale Berichterstattung wird ausgedünnt oder verschwindet ganz.
Wo journalistische Angebote fehlen, entstehen Informationslücken. Diese werden zwar durch andere Kanäle gefüllt, jedoch nicht zwingend durch professionell recherchierte und überprüfte Informationen. Die Folge ist ein Verlust an Orientierung und gemeinsamem Wissen über das lokale Gemeinwesen.
Mehrfach wurde darauf hingewiesen, dass Journalismus zunehmend als gesellschaftlich unverzichtbares Gut verstanden werden müsse. Seine demokratische Bedeutung sei unbestritten, gleichzeitig könne er sich unter den heutigen Marktbedingungen vielerorts nicht mehr selbst tragen. Hinzu kommt, dass die Fähigkeit, journalistische Arbeit einzuordnen und ihren Wert zu erkennen, nicht selbstverständlich vorhanden ist. Sie muss kontinuierlich neu vermittelt werden.
Medienkompetenz als demokratische Schlüsselqualifikation
Als besonders problematisch wurde der Wissensverlust in weiten Teilen der Bevölkerung beschrieben. Vielen Menschen fehle inzwischen grundlegendes Verständnis darüber, wie Journalismus arbeitet, wie Informationen geprüft werden und wodurch sich professionelle Berichterstattung von anderen Informationsquellen unterscheidet.
Gerade dieses Verständnis gilt jedoch als Voraussetzung für demokratische Teilhabe. Entsprechend groß war die Einigkeit darüber, dass Medienbildung – eben auch im Sinn der Befassung mit „Journalismus als System“ – deutlich gestärkt werden muss. Baden-Württemberg hat mit dem neuen Schulfach Medienbildung einen wichtigen Schritt unternommen. Gleichzeitig wurde darauf hingewiesen, dass erhebliche Defizite insbesondere auch bei Menschen mittleren Alters bestehen.
Die Vermittlung von Medien- und Journalismuskompetenz dürfe sich daher nicht auf Schulen beschränken. Notwendig seien Angebote für unterschiedliche Altersgruppen sowie Formate, die Journalismus erlebbar machen. Wer journalistische Arbeit nachvollziehen könne, sei eher bereit, ihre gesellschaftliche Bedeutung anzuerkennen – und gegebenenfalls auch für journalistische Inhalte zu bezahlen.
Austausch schafft Vertrauen
Hervorgehoben wird, wie wichtig Orte des Austauschs für eine lebendige Demokratie sind.Zu beobachten ist, dass dieser Austausch weniger wird, während die Masse der unkuratiert in die Welt geschickten Nachrichten aller Art aufwächst. Ein schönes Experiment eines Bürgerratschlags ist hier das Bürgerforum „Wie wollen wir uns in Zukunft informieren und austauschen?“, das die Pressestiftung mithilfe der Baden-Württemberg Stiftung durchführte. In solch einem Format entwickeln Teilnehmende ihr Wissen und ihre Positionen weiter, erleben unterschiedliche Perspektiven und gewinnen Vertrauen in demokratische Verfahren.
Ähnliche Potenziale werden in Begegnungen zwischen Bürger*innen sowie Journalist*innengesehen. Formate, in denen Medienschaffende ihre Arbeit erklären und Einblicke in Rechercheprozesse geben, könnten dazu beitragen, Vertrauen in Qualitätsjournalismus zu stärken.
Begegnung zwischen Journalist*innen und Leserschaft sind zentral: Die Frage, wiejournalistische Angebote finanziert werden können, hängt unmittelbar zusammen mit der Frage danach, was Menschen bewegt und warum sie journalistische Produkte überhaupt nutzen sollen. Die Leistung professioneller Medien wie Recherche, Einordnung, Hintergrundwissen/investigative Arbeit muss erklärt werden; und Anliegen, Emotionen, Geschichten der potentiellen Leserschaft müssen eingebracht werden (können).
Wenn Rathäuser zu Medienhäusern werden
Ein weiteres Spannungsfeld zeigte sich im Verhältnis zwischen Kommunalverwaltungen und lokalen Medien. Während Redaktionen über mangelnden Zugang zu Informationen klagen und kritisieren, dass Verwaltungen zunehmend direkt über soziale Medien kommunizieren, verweisen Kommunen ihrerseits auf schwindende journalistische Präsenz vor Ort und die Herausforderung, ihrerseits Öffentlichkeitskanäle aufzusetzen.
Tatsächlich investieren viele Rathäuser erheblich in Öffentlichkeitsarbeit und erreichen Bürger*innen über Amtsblätter, Webseiten und soziale Netzwerke. Damit entstehen jedoch neue Fragen nach der geforderten Staatsferne öffentlicher Kommunikation und nach der Rolle unabhängiger journalistischer Kontrolle.
Hilfreich wäre Raum für den Austausch zwischen Verwaltungen und Medienhäusern bzw.Redaktionen, um zukunftsfähige Formen der Zusammenarbeit mit klarenRollenverständnissen auszubauen.
Neue Wege für Journalismusförderung
Was kann also getan werden? Mögliche Förderinstrumente stellt das Gutachten „Zeit für eine neue Medienförderung“ zur Debatte das im Auftrag der Heinrich-Böll-Stiftung erarbeitet und von einer der Autorinnen beim Fachgespräch in Stuttgart präsentiert wurde. Die Autorinnen und Autoren schlagen drei zentrale Maßnahmen vor:
Erstens: eine transparente und staatsferne Projektförderung für innovative journalistische Geschäftsmodelle, beispielsweise über die Landesmedienanstalten.
Zweitens: eine Grundsicherung für Lokaljournalismus durch Zuschüsse zu Redaktionskosten. Modelle dieser Art existieren bereits seit Jahren z.B. Schweden, den Niederlanden oder Luxemburg. Gefördert würden journalistische Arbeitsplätze, nicht Inhalte. Als Finanzierungsquelle sollte eine künftige Digitalabgabe eine zentrale Rolle spielen.
Drittens: die Aufnahme von Qualitätsjournalismus in die Abgabenordnung als gemeinnützigen Zweck. Dies würde insbesondere kleineren Initiativen und lokalen Medienprojekten neue Finanzierungsmöglichkeiten eröffnen.
Journalismusförderung, so die grundlegende politische Einordnung, ist zu verstehen als eine Form der demokratischen Infrastruktur- und Wirtschaftsförderung. Voraussetzung für ihren Erfolg sind politischer Wille und ausreichende finanzielle Mittel.
Der Media Forward Fund als Praxisbeispiel
Wie eine solche Förderung konkret aussehen kann, wurde am Beispiel des Media Forward Fund gezeigt. Das innovative Modell verbindet finanzielle Unterstützung mit Qualifizierungsangeboten für Gründerinnen und Gründer journalistischer Projekte. Neben der Finanzierung neuer Medienangebote werden Kompetenzen in Unternehmensführung und Geschäftsmodellentwicklung vermittelt.
Die Mittel stammen überwiegend von privaten Stiftungen, inzwischen mehr als zwei Dutzend Förderpartnern. Gleichzeitig ermöglicht die staatsferne Vergabestruktur auch die Beteiligung öffentlicher Geldgeber. Zu den Partnern zählen inzwischen unter anderem die Städte Wien und Genf sowie das Land Nordrhein-Westfalen.
Künftig sollen insbesondere strukturschwache ländliche Regionen stärker unterstützt werden. Darüber hinaus ist ein Netzwerk für Forschung und Entwicklung im Bereich Künstliche Intelligenz geplant, dessen Erkenntnisse gemeinwohlorientierten Medienprojekten zugutekommen sollen.
Die bisherigen Erfahrungen zeigen nach Einschätzung der Beteiligten, dass erfolgreiche Neugründungen möglich sind. Besonders vielversprechend seien Projekte, die auf starke Gemeinschaften und aktive Beteiligung ihrer Nutzer*innen setzen. Dort entstehe häufig auch die Bereitschaft, journalistische Angebote finanziell zu unterstützen.
Eine gemeinsame Aufgabe
Die Diskussion machte deutlich, dass die Herausforderungen des Lokaljournalismus längst nicht mehr allein Sache der Medienbranche sind. Politik, Bildungseinrichtungen, Stiftungen, Kommunen und Verlage stehen gemeinsam vor der Aufgabe, die mediale Öffentlichkeit im Sinne einer demokratischen Infrastruktur vor Ort zu sichern.
Dringend gefordert sind eine bessere Koordinierung von Medienbildungsangeboten, neue Kooperationen zwischen privaten und öffentlich-rechtlichen Akteuren, die Förderung journalistischer Innovationen sowie die stärkere Einbindung junger Menschen in die Entwicklung neuer Formate.
Die Bereitschaft zum Handeln ist aktuell offensichtlich vorhanden, weil die Risiken einer fortschreitenden Erosion des Lokaljournalismus heute in den unterschiedlichen Verantwortungsbereichen bekannt sind. Die zentrale Frage lautet daher, wie schnell gehandelt wird, um Instrumente in Kraft zu bringen, mit denen eine vielfältige, unabhängige und zukunftsfähige lokale Öffentlichkeit gesichert wird.