Aula – digitale Mitbestimmung in der Schule

Interview

In dieser Folge wollen wir uns ein Beispiel für einen digitalen öffentlichen Raum anschauen. Genauer gesagt einen schulöffentlichen digitalen Raum. Und zwar soll es heute um die Beteiligungsplattform „aula“ gehen. „Aula“ steht für „ausdiskutieren und live abstimmen“ und ist ein Konzept und eine Software, die für Schulen entwickelt wurde und die demokratische Praktiken und Kompetenzen fördern soll. Die Pestalozzi Realschule in Freiburg hier in Baden-Württemberg war eine von vier Pilotschulen bundesweit, die „aula“ bei sich ausprobiert haben und seitdem, seit 2016, einsetzen. Ich bin jetzt mit Dejan Mihajlovic verbunden, er ist Lehrer und begleitet die Pestalozzi Realschule von Beginn an im Einsatz von „aula“.

Böll.Regional - aula

Transkript | Podcastepisode aula – digitale Mitbestimmung in der Schule in der Reihe aus Böll.Regional

Interview von Roxane Kilchling (hbs BW) mit Dejan Mihajlovic von der Pestalozzi Realschule in Freiburg, aufgenommen im Juli 2020.

In dieser Folge wollen wir uns ein Beispiel für einen digitalen öffentlichen Raum anschauen. Genauer gesagt einen schulöffentlichen digitalen Raum. Und zwar soll es heute um die Beteiligungsplattform aula gehen. Aula steht für „ausdiskutieren und live abstimmen“ und ist ein Konzept und eine Software, die für Schulen entwickelt wurde und die demokratische Praktiken und Kompetenzen fördern soll. Die Pestalozzi Realschule in Freiburg hier in Baden-Württemberg war eine von vier Pilotschulen bundesweit, die aula bei sich ausprobiert haben und seitdem, seit 2016, einsetzen. Ich bin jetzt mit Dejan Mihajlovic verbunden, er ist Lehrer und begleitet die Pestalozzi Realschule von Beginn an im Einsatz von aula.

Roxane Kilchling: … dann würde ich sagen können wir vielleicht erst mal einsteigen mit der Frage wie funktioniert denn aula überhaupt? Also wie gesagt, es ist eine Beteiligungsplattform und eine Software. Wie kommt die denn konkret zum Einsatz?

Dejan Mihajlovic: Aula ist mehr als eine Software. Das ist ein Konzept. Das Konzept beinhaltet zum einen einen Vertrag. Der Vertrag, der beschließt, oder der setzt den Rahmen, in welchem Rahmen Schülerinnen oder Schüler etwas an einer Schule mitbestimmen dürfen. Der Vertrag wird zu Beginn ausgehandelt und muss dann durch alle Konferenzen und alle Instanzen durch und abgesegnet werden. Ein anderes Element ist... ja auch eine Stunde oder zumindest Zeit. Das heißt, dass man eigentlich versucht, so wöchentlich mindestens eine Stunde zu haben oder auch vielleicht alle zwei Wochen eine Stunde zu haben, auf jeden Fall ein fester Zeitraum innerhalb des Schulalltags, wo aula eben besprochen werden kann, diskutiert werden kann. Und dann ist natürlich klar ein wesentliches Element die Software, diese Plattform, die man sich dann so vorstellen kann wie ein soziales Netzwerk, wie Facebook, Twitter oder was auch immer. Bei dem jede Person der Schulgemeinschaft einfach einen Account hat, das heißt sowohl Lehrende als auch Lernende. Und dann da ihre Ideen posten können. Und jetzt ist es so, dass, wenn ich ein Schüler bin, der Klasse 5 C, dann habe ich, wenn ich mich einlogge, zwei Räume, die angezeigt werden. Zum einen meinen Klassenraum der 5C und einmal den Schulraum. Und dann, wenn ich jetzt eine Idee haben sollte, wie die Schule verbessert werden könnte, muss ich mir Gedanken machen: Ist das eine Idee, die Schulraum betrifft auch die ganze Schule betrifft oder eben nur meine Klasse. Und je nachdem wähle ich den Raum und poste dann diese Idee da hinein. Und das ist so erst mal der Grundablauf oder die Basis von Aula. Und dann gibt es eben halt gewisse Prozesse. Das heißt, wenn ich jetzt ebe so eine Idee reinstelle, ist das mal, das ist ein Aspekt. Aber von der Idee bis zur Umsetzung gibt es eben so verschiedene Abläufe. So einen Prozess, die so eine Idee durchlaufen muss. Also die erste Hürde zum Beispiel, dass so eine Idee überhaupt umgesetzt werden kann, ist, dass sich 30 Prozent aller Betroffenen, also jetzt zum Beispiel der Schulgemeinschaft oder eben der Klasse sagen müssen, dass die Idee relevant ist, und müssen also drauf klicken und sagen: "auf den Tisch". Und wenn 30 Prozent überzeugt sind, dass diese relevant ist, dann kommt sie halt in den nächsten, nächsten Schritt des Prozesses. Und dann habe ich drei Wochen Zeit, diese Idee auszuformulieren oder auch Verbesserungsvorschläge aufzunehmen. Das heißt, es können dann die Schüler und Schülerinnen sagen, wenn es jetzt sagen wir mal die Idee wäre, dass es draußen irgendwie eine Tischtennisplatte bräuchte, dann könnten sie zum Beispiel sagen, wo sie stehen könnte oder ob es gleich zwei bräuchte, oder... Ich müsste natürlich auch dann klären, inwiefern das überhaupt zulässig ist. Darf man die da hinstellen? Wie sollen die finanziert werden? Es gibt einiges, was dazu geklärt werden muss. Und wenn das alles dann der Fall ist, dann wird nach drei Wochen, wandert die Idee dann auf dem Tisch der Schulleitung. Die Schulleitung prüft zuerst, ob das mit dem Vertrag vereinbar ist. Das heißt, ist das etwas, das die Schülerinnen und Schüler überhaupt mitbestimmen dürfen? Falls das der Fall ist und falls die Idee ausformuliert ist. Das heißt, es gibt ein Finanzierungskonzept, falls es was kosten sollte, alle Fragen sind geklärt. Das heißt es geht noch darum, das umsetzen zu können. Dann gibt die Schulleitung diese Idee frei zur Abstimmung, zur finalen. Und dann muss man tatsächlich über 50 Prozent aller, also je nach Raum, entweder Schule oder Klasse, überzeugen dafür zu voten. Und dann erst darf man diese Idee umsetzen. Und im besten Fall ist es so, dass man, wenn man, wenn ich zurückblicke die letzten Jahre hat im besten Fall so ne Idee schon zwei Monate gebraucht. Das heißt vom Einstellen bis zu der ersten Grenze geknackt, dann eben den nächsten Prozess und bis zur Abstimmung.

Roxane Kilchling: Was wäre denn so ein Beispiel für so eine Idee, die schon umgesetzt wurde bei Ihnen?

Dejan Mihajlovic: Ich glaube, das erste, die erste Idee war der Smartphone-Tag, die es geschafft hat. Das heißt, Schülerinnen und Schüler haben die Idee gehabt, dass sie ein Tag in der Schule von der ersten bis zur sechsten Stunde, in allen Fächern, in allen Klassen wie lange auch immer, aber mit einem Smartphone arbeiten müssen. Das heißt, da sollen sich dann Schülerinnen und Lehrern gemeinsam Gedanken machen, wie man das Smartphone einsetzen könnte. Das war die Grundidee und da haben sie aber weil sie aus dem ersten Fail eben gelernt haben, haben sie angefangen, Plakate zu gestalten, haben sich sehr gute Argumente überlegt, haben sich auch als Gruppe zusammengetan, über Stufen hinweg, sind in den Pausen auf den Hof, haben mit Leuten gesprochen, sind in die Klassen gegangen haben, haben Durchsagen gemacht, haben Snapchat-Stories gemacht, Insta-Stories gemacht, wirklich alle Register gezogen. Und selbst dann war es wirklich knapp. Das heißt sie hatten glaube ich mit 13, 14, 15 Stimmen über diesen 50 Prozent haben sie es gerade so geschafft, dass die Idee umgesetzt werden kann.

Roxane Kilchling: Das heißt es findet auch ein wichtiger Teil dieses Beteiligungsprozesses analog statt, es ist keine reine digitale Geschichte, sondern so ein bisschen: der Beginn findet vielleicht eher digital statt und dann bei der Ausgestaltung und bei der Überzeugung der anderen ist der analoge Bereich auch ganz wichtig.

Dejan Mihajlovic: Also beides. Ich würde es gar nicht trennen wollen voneinander. Es ist halt so wie halt in anderen Sachen auch. Es ist eine Kultur der Digitalität, das heißt ich habe Dinge, die einfach asynchron im Netz passieren, Dinge, die dann im Physischen wieder passieren. Also als Beispiel, aula als Konzept ist erstmal... Also es ist nicht so, dass dieses Konzept dazu führt, dass Demokratie-Bildung stattfindet. Es kann damit Demokratie-Bildung stattfinden. Das heißt, das wesentliche Element sind zum Beispiel die Menschen dahinter, wie ernst die das einfach nehmen. Das heißt, ich brauche eine Schulleitungen, die dahintersteht, ich brauche Lehrende, die dahinter stehen, die es aufgreifen, reflektieren, thematisieren, die unterstützen bei den ganzen Projekten. Das ist eigentlich schon das Wichtigste überhaupt. Die Plattform und das Konzept ermöglicht das nur. Und genauso ist es auch bei dieser ganzen Arbeit, die man sonst auch kennt. Klar kann ich natürlich asynchron, das ist der Vorteil asynchroner Kommunikation, also ich kann jetzt zum Beispiel eine Idee reinstellen. Und der Vorteil mit aula ist zum einen, dass wir Schülerinnen und Schüler haben, die introvertiert sind und jetzt nicht gerne vor der Klasse stehen und sprechen oder die sagen "ich möchte gar nicht Klassensprecherin oder Klassensprecher sein, ich möchte gar nicht diesem Organ angehören und diese Verantwortung haben. Ich hab nur ne Idee. Oder ich hab ein Projekt, das ich irgendwie durchführen möchte“. Die nutzen diese Plattform, und das ist tatsächlich der große Vorteil und die Transparenz. Das heißt, ich hab einfach von Beginn, vom Einstellen der Idee bis zum Prozess, sehe ich einfach permanent, wo sich diese Idee befindet. Was bisher in diesen Prozessen einfach nicht immer der Fall war. Das heißt, es gibt schon viele Elemente, die aufgrund dieses Settings des digitalen Settings einfach möglich sind, die vorher nicht möglich waren.

Roxane Kilchling: Zu Beginn gesagt, dass es auch so eine Art... oder man könnte es ein bisschen vergleichen mit einem sozialen Netzwerk für die Schule. Das klang jetzt bisher so, dass es schon sehr zielgerichtet zweckgerichtet verwendet wird. Ist es denn auch ein Raum, in dem sich die Schüler*innen begegnen, die sich sonst vielleicht nicht begegnen würden? Also zum Beispiel Unterstufe und Abschlussklassen, die sonst vielleicht nicht viel miteinander zu tun haben? Die treten da irgendwie in Austausch und arbeiten gemeinsam an einer Idee. Also ist das so, begegnen sich da die Schüler*innen auch auf einer anderen Ebene?

Dejan Mihajlovic: Ich würde beide Fragen eigentlich mit Ja beantworten. Also das heißt zum einen ja, es ist tatsächlich sehr zielorientiert, das heißt, es geht jetzt nicht darum, was habe ich gestern irgendwie bei Insta mir angeschaut, sondern es geht wirklich um ganz konkret. Also wenn ich was reinposte geht es um die Schule, geht es um die Verbesserung der Schule, des Unterrichts, oder wie auch immer. Aber es findet auch was statt, das heißt das Menschen sich begegnen, die sonst nichts miteinander zu tun haben. Also gerade dieser Smartphone-Tag, das war wirklich eine Gruppe, die dahinter stand, von Klasse 5 bis 10, also wirklich bunt gemischt, aber tatsächlich auch wiederum aufgrund der Idee, weil sie schon festgestellt haben: Es ist gar nicht so einfach, so einen Konsens zu finden und Kompromisse zu finden, Argumente zu finden, die zum Beispiel jetzt einen Fünftklässler überzeugen und einen Zehntklässler überzeugen, weil die einfach völlig andere Interessen haben. Also muss ich schon genau überlegen: Wie formuliere ich das, und wie kann ich es ihm schmackhaft machen? Das heißt aus der Not heraus ist da eine Zusammenarbeit im Endeffekt die da entsteht. Und natürlich auch nicht nur Stufen- und Klassen-übergreifend, sondern auch mit Lehrenden. Das heißt manchmal kommunizieren Lehrerinnen und Lehrer mit Schülerinnen und Schüler, die sie gar nicht unterrichten, weil es halt um die Idee gerade geht. Also das heißt die Kommunikation an sich hat dadurch schon deutlich zugenommen.

Roxane Kilchling: Also hat es vielleicht auch so ein bisschen über die Jahre was geändert an dieser typischen Beziehung zwischen den Lehrkräften und den Schüler*innen? Hat sich das irgendwas geändert?

Dejan Mihajlovic: Eigentlich ist der Effekt ähnlich wie bei allen anderen Sachen im Netz auch. Es gibt einen Effekt, der spricht vom großen Verstärker der Digitalisierung. Und letzten Endes würde ich es tatsächlich auch da auch so wahrnehmen oder beschreiben. Das einfach das was vorher schon da war noch mal verstärkt wird. Das heißt, wenn Lehrende ohnehin schon ein offenes, kooperatives, engagiertes Verhältnis auch zu ihren Schülerinnen und Schülern hatten, dann war das jetzt noch stärker der Fall, bei denen wo es jetzt vielleicht eher Kontrollfunktionen waren, ist jetzt noch stärker die Kontrollfunktion in den Vordergrund gerückt. Das heißt, man kann es gar nicht so allgemein sagen, inwiefern sich jetzt... oder bewerten zumindest. Also ich glaube tatsächlich alles, was vorher schon da war wurde einfach jetzt noch mal stärker ausgeprägt, also mehr Vernetzung oder mehr Kontrolle oder mehr Austausch. So würde ich es vielleicht beschreiben. Was aber schon stattgefunden hat, was ich jetzt positiv bewerten würde ist einfach durch die Transparenz, dass die Ideen und die Gedanken der Schülerinnen und Schüler einfach stärker da waren oder präsent waren. Also ich möchte es mal so beschreiben: Bei klassischen Gesamtlehrerkonferenzen gibt es dann immer so Tagesordnungspunkte, die besprochen werden, was die Schule betrifft. Und normalerweise ist es tatsächlich ja im Schulgesetz auch verankert, dass es wenn es irgendwelche Belange sind, die dann eben auch Schülerinnen und Schüler betreffen, dass die dann eigentlich auch mit gefragt und gehört werden und mitdiskutieren. Es ist schon so gewesen, dass ich immer als Verbindungslehrer immer erinnern musste, „hey Leute eigentlich sollte man die da auch mal fragen“. Mit aula hat es sich echt geändert. Das heißt aufgrund dessen, weil diese Ideen immer transparent waren, haben einfach Kolleginnen und Kollegen die bisher nicht darüber nachgedacht haben, von sich aus gesagt: "hey lasst uns mal die doch da beteiligen, eigentlich betrifft es die ja auch". Und da habe ich einfach gesehen, und das muss man auch ganz klar sagen: Es ist nicht so, dass die Lehrerinnen und Lehrer das vorher nicht gemacht haben, weil sie irgendwie böse sind oder die nicht beteiligen wollen sind, sondern weil sie einfach das nicht auf am Schirm hatten. Und ihre eigenen Gedanken und Probleme hatten und jetzt aber durch diese Transparenz und Sichtbarkeit das einfach stärker in den Vordergrund gerückt ist.

Roxane Kilchling: Ja das kann ich mir vorstellen, das ist natürlich ein großer Vorteil im Vergleich zu so klassischen Beteiligungsstrukturen wie Schülermitverwaltung oder so wo natürlich längst nicht die große Masse irgendwie sichtbar wird. Wie ist es denn jetzt in der speziellen Situation, dass zwar analoger Unterricht wieder stattfindet, aber ich nehme mal an bei Ihnen an der Schule auch unter besonderen Umständen irgendwie gestaffelt oder auf jeden Fall nicht wie normal: finden da weiterhin diese aula-Unterrichtseinheiten statt?

Dejan Mihajlovic: Nein, muss man, muss man ganz ehrlich zugeben. Aula ist tatsächlich auch... Also wir haben auch letzten Jahr so einen Dämpfer gehabt, weil also der Rahmen, die Rahmenbedingungen sind, wie ich es am Anfang auch sagte, schon wesentlich für aula. Es geht nicht tatsächlich nur darum zu sagen ich habe Lehrende und Schulleitung, die dahintersteht, sondern ich muss auch die Rahmenbedingungen haben, zum Beispiel, dass einfach Leute da sind. Wir hatten jetzt letztes Schuljahr war es so dass vier Lehrkräfte erkrankt sind oder gefehlt haben und wir zum Teil einfach echt damit beschäftigt waren, überhaupt den Unterricht irgendwie zu gewährleisten. Und dabei sind einfach Ressourcen flöten gegangen, die dann eben für aula da gewesen wären. Das heißt da hat aula schon drunter gelitten, das hat man schon letztes Jahr gemerkt. Und dieses Jahr ist natülich mit Covid natürlich ne Vollkatastrophe, muss man schon sagen. Aber witzigerweise hat aula uns auch wiederum gerettet. Das heißt, wir haben aula als Plattform missbraucht. Wir haben es dann eben für uns zur Kommunikation genutzt, weil als es dann eben hieß „okay es werden die Schulen geschlossen“. Dementsprechend haben wir aula dann einfach umgestaltet. Das heißt diese Themen-Räume, wo die Ideen drin waren, über diese Themen-Räume wurden die Aufgaben und Sachen kommuniziert. Wenn es dann Information gab und so weiter wurden die da reingestellt. Und das war so der Dreh- und Angelpunkt der letzten Wochen und Monate. Ich weiß auch nicht wie es nächstes Schuljahr wird, ich befürchte, dass es nicht groß anders sein wird als jetzt. Aktuell haben wir die Situation, dass eben die eine Hälfte der Klasse da ist, die anderen zu Hause. Das heißt ich befürchte, dass da auch da aula darunter leiden wird. Aber ich kann mir gut vorstellen, dass es stärker wieder zum Zug kommen wird, im Vergleich zu diesem Jahr, Weil einfach man sich jetzt langsam auch drauf eingestellt hat und auch diese Beteiligungskonzepte und -elemente wieder stärker in den Vordergrund rücken werden, bin ich der festen Überzeugung.

Roxane Kilchling: Wenn Sie drei Faktoren nennen müssten, die wichtig sind, damit aula gut funktioniert an einer Schule, was wären das für drei Erfolgsfaktoren?

Dejan Mihajlovic: Ich glaube tatsächlich, der zentrale Faktor ist erst einmal, dass die Lehrerinnen und Lehrer dahinter stehen und das im ganzen Zeit einräumen und das ganze Ding auch ordentlich machen. Ordentlich heißt, nicht in der aula-Stunde zu gewähren, dass sie auf die Plattform gehen können und Sachen rein posten können, sondern dass man die wichtigen Dinge rauspickt, diskutiert und reflektiert. Ich mein man muss dazu sagen, auch da würde ich wieder differenzieren: Je nach Schulart, also zum Beispiel eine der vier Schulen, die das jetzt einführen wird ist eine berufliche Schule, da sind ja die Schüler viel älter, ja. Das heißt die werden sicher nicht ansatzweise so viel Unterstützung und Reflektion vielleicht brauchen, benötigen wie in einer Schule aus dem Sek 1-Bereich. Aber trotzdem glaube ich, dass es ein wesentliches Element ist. Und natürlich auch die Schulleitung muss einfach voll dahinterstehen, weil dieser Vertrag zum Beispiel so wichtig ist. Und im Vertrag kann man dementsprechend auch sagen "ich gestalte den Raum enger, in dem sie Dinge mitbestimmen können, oder ich gestalte ihn weiter. Bei uns an der Schule ist das der weitest mögliche... weitest mögliche? Ich glaub so war's richtig... Rahmen, den man treffen kann. Witzigerweise einfach aus dem Grund, als wir aula eingeführt haben, da muss man diesen Vertrag ja erst mal ausarbeiten und dann war diese Plattform, die war on. Das heißt, die konnten sich schon austoben, bisschen testen und alle wussten, es ist nur eine Testphase. Und da hat als erstes glaube ich schon ein Schüler reingeschrieben als Idee im Schulraum: Er möchte freies W-Lan für alle haben. Und da hab ich schon "Oh mein Gott, nicht diese Idee", weil ich schon genau wusste, dass das etwas ist, was die Lehrenden nicht so gut finden. Und dann dachte oh nein, jetzt in diesen Vertragsverhandlungen könnte das der Tod sein. Aber komischerweise bzw. überraschenderweise war es so, dass die Kommentare da drunter, die Verbesserungsvorschläge und pro contra Diskussion, die sich da entfaltet hat, die war so gut, dass die Schulleitung gesagt hat, "wow, also wenn das in die Richtung geht, dann sofort". Ja und dementsprechend, das hat wirklich dazu geführt, dass er diese diesen Rahmen so weit wie möglich gesetzt hat. Und das fand ich schon ziemlich gut.
Vielleicht noch ein... was dazu... Also Technik spielt natürlich auch ne Rolle, muss man auch sagen. Das heißt, dass ich eine Technik habe, die funktioniert. Wir haben das jetzt auch entwickelt in den letzten Jahren. Am Anfang war es erst mal nur Browser basiert. Wir mussten zwar von Anfang an, dass natürlich jetzt junge Menschen nicht Browser-Menschen sind, sondern eher App-Menschen. Und was auf dem home screen auf dem Smartphone nicht da ist, existiert nicht. Das ist schon so ein Problem, das wir erkannt haben. Deswegen gibt es auch mittlerweile die App, die entwickelt wurde. Aber auch das ist etwa so ein Kostenpunkt. Und ich glaube tatsächlich, das dritte wesentliche Element ist, dass es einfach stattfindet. Das heißt, dass im Unterricht das immer wieder aufgegriffen wird. Also ich glaube, wenn man sich die Zeit dafür nicht nimmt, dann kann es nicht funktionieren. Und das ist etwas, was ich glaube, bei Demokratiebildung an sich immer so wichtig ist. Es darf halt nicht so ein Add-On sein, was ich eigentlich mache, wenn ich die Ressourcen habe. Es muss eigentlich etwas sein, was halt ebenso Prio eins ist, elementar ist. Wenn man mit Erwachsenen spricht, sagen alle „ha ja die Welt bewegt sich jetzt gerade, was Demokratie und demokratische Prozesse und Strukturen angeht, in eine besorgniserregende Lage“, das heißt in vielen Ländern sieht man einfach wie die Sachen jetzt abdriften gerade. Und diese ganzen Entwicklungen die haben ja wieder damit etwas zu tun wie junge Menschen, welche Erfahrungen sie einfach in jungen Jahren gemacht haben. Das heißt, ob sie sich als Teil der Gesellschaft wahrnehmen, ob sie sich in einer gestaltenden Rolle wahrnehmen, ob sie zum Beispiel feststellen und erleben, was es bedeutet, Kompromisse auszuhandeln. Und wenn das geschieht, dann gehen die völlig anders in das gesellschaftliche Leben als Erwachsene über. Das heißt, bei uns ist es so gewesen, dass die Schülerinnen und Schüler, die zum Beispiel Ideen eingestellt haben und dann festgestellt haben, wie schwer es eigentlich ist, ein Kompromiss zu erzielen zwischen fünfte bis zehnte Klasse. Diese ganze, unfassbar heterogene Masse an Schülerinnen und Schülern, die zu überzeugen, dass eine Idee gut ist, das ist wahnsinnig schwierig. Und dann noch die Perspektive darauf zu haben von Lehrenden, dann irgendwie Brandschutzverordnungen... Das heißt, die haben sich mit Dingen auseinandersetzen müssen, von denen sie vorher gar nicht wussten, dass sie überhaupt existieren. Jeder Schüler oder jeden Schülerin, die das gemacht hat, weiß einfach, wie komplex es eigentlich schon ist, etwas umzusetzen auf der schulischen Ebene und kann natürlich dementsprechend den Transfer leisten und sagen okay, was heißt es dann überhaupt erst auf der kommunalen Ebene? Was heißt es dann auf der Landesebene? Was heißt das auf der Bundesebene? Und dann noch die anderen Ebenen. Das heißt, die können sich dann durchaus einen Reim daraus machen, dass eben Politik ohne Kompromisse einfach nicht so einfach sind. Und deswegen finde ich es unfassbar wichtig. Und das ist genau für mich auch der Punkt, was aula so stark macht. Wir haben ja jetzt eine Klientel bei uns an der Schule, die jetzt nicht... ich würde mal sagen nicht die Privilegiertesten sind. Es gab einmal so einen Besuch von einer Journalistin, die die Schülerinnen Schüler gefragt hat: "Hat euch aula was gebracht, auch außerhalb der Schule?". Für mich war es so ein einschneidender Moment, als Schülerinnen und Schüler erzählt haben, wie sich in ihrem Alltag Dinge sich verändert haben, durch aula. Das heißt der Transfer von dem, was sie in der Schule erlebt haben, hat stattgefunden, und zwar für die. Also einer hat zum Beispiel gesagt, dass er vorher, wenn er was von seinen Eltern haben wollte, immer nur seinen Wunsch gesehen hat. Aber seitdem er jetzt einfach gemerkt hat, welche welche Sachen dahinterstecken, immer jetzt mitdenkt, was es für die Eltern bedeutet. Oder eine hat gesagt, dass sie zu Hause eigentlich kulturell bedingt nicht so viel eigentlich mitspricht und eher ruhiger ist und nichts sagt. Durch dieses aula aber hat sie festgestellt, dass ihre Stimme so viel Wert hat und Wertschätzung erfährt, dass sie zu Hause jetzt auch mehr haben möchte. Jetzt hängt der Haussegen zwar ziemlich schief, was nicht gut ist. Aber aus demokratischer Sicht ist es natürlich genau das, was wir haben wollen. Das heißt, dass Menschen einfach befähigt werden und sich als Gestalterin ihrer Zukunft einfach erleben.

Roxane Kilchling: total wichtige Empowerment-Erfahrungen, die die Schüler*innen da machen können und natürlich auch auf ihr privates und gesellschaftliches Leben übertragen können. Super, dann vielen Dank für das interessante Gespräch!

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