Die Begründung der Jury: Anne-Klein-Frauenpreis 2022

Anne-Klein-Frauenpreis 2022 an Yosra Frawes, Anwältin und Frauenrechtlerin aus Tunis, Tunesien

Der Anne-Klein-Frauenpreis geht 2022 an Yosra Frawes, tunesische Feministin und internationale Aktivistin für die Rechte der Frauen, Anwältin und feministische Dichterin. Yosra Frawes stammt aus der Stadt Jedeida im Medjerda-Tal in der Nähe von Tunis und lebt heute in der Hauptstadt des Landes. Für das Studium der Rechtswissenschaften hat sie sich entschieden, um Anwältin der Armen, von schutzbedürftigen und misshandelten Frauen zu werden.

"Vollumfängliche, im Alltag praktizierte Gleichheit der Geschlechter ist keine wünschenswerte Option, sondern ein Ziel, das jede Gesellschaft anstreben muss. ", sagt Yosra Frawes.

Begründung der Jury

Yosra Frawes ist unter der autoritären Herrschaft Ben Alis aufgewachsen, sie hat die repressiven und patriarchalen Strukturen der tunesischen Politik und Gesellschaft hautnah erlebt und sich früh progressiven feministischen Kräften Tunesiens angeschlossen. Schon lange vor dem Arabischen Frühling startete sie im Jahr 2000 eine Petition für die Gleichstellung von Mann und Frau im tunesischen Erbrecht. Als Juristin hat sie während und nach dem Arabischen Frühling in Tunesien den Kampf für die rechtliche Gleichstellung von Frauen und Männern aufgenommen und engagiert sich für die Wahrung der Menschenwürde, sowohl in Tunesien als auch international.

Heute ist Yosra Frawes die erste Tunesierin, die als Exekutivdirektorin das Büro der internationalen Organisation Fédération Internationale pour les Droit Humains (FIDH) für den Maghreb und den Nahen Osten in Tunis leitet. Bis Juli 2021 war sie überdies Präsidentin der tunesischen Vereinigung Demokratischer Frauen (ATFD).

Yosra Frawes begleitete den tunesischen Transitionsprozess als Anwältin und widmete sich der Bekämpfung von Menschenrechtsverletzungen und Ungleichheiten. Das Gesetz 58 zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen wurde auch dank ihrer Mitwirkung im Jahr 2017 als Teil der Nationalen Koalition zur Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen verabschiedet, ein historischer Erfolg. Für Yosra Frawes aber nicht genug: Denn jedes Gesetz ist nur so gut wie seine Umsetzung.

Yosra setzt sich für den Schutz der Rechte aller Menschen ein. Sie war z.B. an der Freilassung von Jabeur Mejri beteiligt. Ihm war im Jahr 2012 vorgeworfen worden, die Moral angegriffen und die öffentliche Ordnung diffamiert und gestört zu haben, weil er Karikaturen Mohammeds in sozialen Netzwerken veröffentlicht hatte. Außerdem prangert Yosra Frawes immer wieder drakonische Übergriffe an und verteidigt Frauen, die Opfer von Gewalt wurden. Seit vielen Jahren arbeitet sie deshalb auch in einem darauf spezialisierten Beratungszentrum der ATFD. Das Zentrum war lange Zeit in Tunesien einzigartig und in der Maghreb-Region bahnbrechend. Frauen eine Stimme zu geben, die durch die erlittene Gewalt besonders verletzlich geworden sind und ihnen zu Recht und Wiedergutmachung zu verhelfen, das ist Yosra Frawes' Kernanliegen.

Sie ist zudem davon überzeugt, dass die Menschenrechte unteilbar sind. Sie lehnt es kategorisch ab, Grundrechte gegeneinander abzuwägen, das gilt gerade auch für die sexuellen Rechte. Yosra Frawes versteht sich als intersektionale Feministin, die die verschiedenen Diskriminierungs- und Kriminalisierungsformen zusammendenkt. Sie ist eine der ersten Feministinnen in Tunesien, im Maghreb und im Nahen Osten, die den LGBTQI++-Aktivist*innen den Weg in die feministische Bewegung ebnete. Sie gehört zu den Gründungsmitgliedern des Zivilen Kollektivs für individuelle Freiheiten (CCLI) und hat es geschafft, die ersten tunesischen LGBTQI++-Rechtsorganisationen an der Gründung dieses einflussreichen Kollektivs zu beteiligen.

In Tunesien wurden die Menschen- und Frauenrechte durch die neue Verfassung gestärkt. Allerdings bestehen nach wie vor erhebliche Lücken zwischen dem, was auf dem Papier steht und der täglichen Realität der Frauen. Das Zivil- und Strafrecht muss außerdem weiter reformiert werden. Die Auseinandersetzungen darüber finden im Kontext einer eher traditionalistischen Gesellschaftskultur und einer vornehmlich konservativen Justiz statt. Die Machtübernahme durch den Präsidenten Kais Said hat zudem zu einem vorläufigen Ende der Gewaltenteilung geführt, was alle Schritte zur Umsetzung der in der Verfassung verankerten Rechte erschwert. Für Yosra Frawes und ihre Mistreiterinnen ist es deshalb vordringlich, bisher Errungenes zu verteidigen.

Mit der Verleihung des Anne-Klein-Frauenpreises an Yosra Frawes möchten wir die feministischen Bewegungen Tunesiens stärken und ermutigen. Frauen* in der MENA-Region kämpfen seit Jahrzehnten für ihr Rechte, gegen Ausschluss, für Gleichheit auf allen politischen und gesellschaftlichen Ebenen.

Auf diesem Weg begleitet sie unsere uneingeschränkte Solidarität.