Der Politikkrimipreis der Heinrich Böll Stiftung Baden-Württemberg geht in diesem Jahr an Andreas Pflüger für seinen Agententhriller „Kälter". Der Roman folgt einer ehemaligen Agentin am Ende des Kalten Krieges und zeigt, wie Geheimdienste Demokratien schützen und bedrohen können.
Begründung der Jury
Wahre Macht über Leben und Tod hast du nur, wenn du dann und wann jemandem erlaubst, fürs Erste weiter zu atmen.
Ein Satz wie in Stein gemeißelt. Andreas Pflüger legt ihn dem Widersacher seiner Protagonistin Luzy Morgenroth in den Mund, und er funktioniert als Leitmotiv auf zwei Ebenen: als persönliche Abrechnung und als Gesellschaftsbild: Autokraten gestern wie heute machen sich die Welt, mehr denn je, wie sie ihnen gefällt.
Die Hatz beginnt auf Amrum. Babel, der fiktive ehemalige RAF-Terrorist Hagen List, jagt Luzy Morgenroth auf der nordfriesischen Insel, auf die sie sich nach Jahren als Personenschützerin und Agentin während des Kalten Krieges und nach dem Mauerfall zurückgezogen hat. Als Dorfpolizistin könnte sie dort in Ruhe leben. Wenn da nicht ...
Es folgt eine komplexe Handlung mit präzise beschriebenen Actionszenen und einer Fülle von Toten, erzählt aus dem Innenleben östlicher wie westlicher Geheimdienste. Pflüger hat Teile des Romans mit Unterstützung des Bundesnachrichtendienstes recherchiert.
Das Ergebnis: faktenbasiert und brillant fiktional zugleich. Er zeigt den Irrsinn einer Welt hinter den Kulissen unserer Wahrnehmung, mit einer Tradition von John le Carré bis James Bond, aber mit einer Schärfe, die weit über Unterhaltung hinausgeht.
Funfakt: Der sowjetische Geheimdienst KGB schulte seine Agenten tatsächlich mithilfe von James-Bond-Filmen.
Gespickt mit zeitgeschichtlichen Anspielungen, stellt der Roman am Ende Fragen, die drängen: Was werden wir irgendwann lesen, wenn der politische Wahnsinn der Gegenwart faktenbasiert im Thriller-Genre ankommt? Was können Geheimdienste für demokratische Staaten leisten? Und: Was sollen Verfassungsschutz und BND wirklich für Grundgesetz und Demokratie leisten?
Einzelne liberale, linke Buchhandlungen als Hort des Extremismus zu stigmatisieren, gehört sicher nicht dazu. Kunst und Kultur zum Beobachtungsfall zu machen, ebenso wenig.
Weitere Stimmen
Mit „Kälter" liefert Andreas Pflüger nicht zum ersten Mal einen Agententhriller, der Spannung, historische Dichte und charakterliche Tiefe zu einem außergewöhnlichen Leseerlebnis verbindet. In seinem breit ausgefächerten Stoff verschmilzt politische Zeitgeschichte mit actionreicher Thrillerkunst. Die historischen Bezüge zum Kalten Krieg und die präzise recherchierte Darstellung der Geheimdienstdynamik verleihen dem Roman nicht nur realistische Tiefe, sondern erheben ihn über bloße Unterhaltung. Die Heldin ist dabei mehr als nur eine Kampfmaschine: „Kälter" zeichnet sie als komplexe, verletzliche Figur, deren innerer Konflikt – zwischen Pflicht, Loyalität und persönlicher Rache – den Roman emotional auflädt.