Baden-Württemberg nach der Wahl: Ergebnisse, Analysen, Perspektiven

Wahlanalyse

Geschäftsführer Andreas Baumer diskutiert mit der grünen Landesvorsitzenden Lena Schwelling und dem Politikwissenschaftler Sebastian Bukow über den Wahlsieg der Grünen unter Spitzenkandidat Cem Özdemir, die Kampagnenstrategie der maximalen Personalisierung, die Rolle des viralen Videos in der Schlussphase, die Stadt-Land-Spaltung im Wahlergebnis sowie die Frage, was andere Grünen-Landesverbände vom Baden-Württemberg-Modell lernen können.

Wahlergebnis und Wahlgewinner

Die Grünen gewannen die Landtagswahl mit einem Vorsprung von 0,5 Prozentpunkten vor der CDU bei gleichzeitigem Patt bei den Mandaten. Cem Özdemir wird aller Voraussicht nach der zweite grüne Ministerpräsident in der Geschichte. Sebastian Bukow argumentiert, dass der Sieg vor allem Özdemir zuzuschreiben ist, betont aber gleichzeitig, dass die Parteiorganisation unerlässlich war, um Personenzustimmung in Parteistimmen zu übersetzen. Die These, Özdemir habe "trotz seiner Partei" gewonnen, weist er als zu simpel zurück. Kampagnenstrategie Lena Schwelling schildert, wie die Partei bereits zwei Jahre vor der Wahl mit der Vorbereitung begann. Die Ausgangslage war schwierig: Die Grünen lagen zeitweise 16 Prozentpunkte hinter der CDU. Eigene Umfragen zeigten zwar schlechte Parteiwerte, aber außergewöhnlich hohe Beliebtheitswerte für Özdemir. Daraus entwickelten die Grünen eine Strategie der maximalen Personalisierung: Özdemirs Gesicht auf nahezu allen Plakaten, der Claim "Zweitstimme Cem Özdemir. Der kann es." und eine konsequente Ausrichtung der Kampagne auf die Frage: Wer soll Ministerpräsident werden? Da die Demoskopie diese Frage eindeutig zugunsten Özdemirs beantwortete, war es das zentrale Ziel, genau diese Frage wahlentscheidend zu machen. Thematisch setzte die Kampagne auf Wirtschaft und Bildung, zwei Felder, auf die Grüne sich laut Schwelling selten trauen, und verband Klimapolitik gezielt mit wirtschaftlichen Fragen.

Die letzten zehn Tage und das Video

In der Schlussphase tauchte ein Video auf, das eine heftige öffentliche Debatte auslöste. Bukow ordnet den Effekt als real, aber begrenzt ein: Viele Wählerinnen und Wähler hätten das Video gar nicht wahrgenommen. Entscheidender war seiner Einschätzung nach, dass die generelle Dynamik bereits vorher zugunsten der Grünen lief und die Zuspitzung am Wahlkampfende Mobilisierung auslöste. Schwelling betont, die Partei habe von dem Video nichts gewusst. Sie kritisiert das Krisenmanagement der CDU: Eine klare Entschuldigung hätte die Sache rasch beenden können. Beide sehen auch handwerkliche Fehler der CDU als mitentscheidend, etwa die zu späte Fokussierung auf das direkte Duell mit Özdemir und die fehlende Profilschärfung Manuel Hagels.

Kampagnenstrategie

Lena Schwelling schildert, wie die Partei bereits zwei Jahre vor der Wahl mit der Vorbereitung begann. Die Ausgangslage war schwierig: Die Grünen lagen zeitweise 16 Prozentpunkte hinter der CDU. Eigene Umfragen zeigten zwar schlechte Parteiwerte, aber außergewöhnlich hohe Beliebtheitswerte für Özdemir. Daraus entwickelten die Grünen eine Strategie der maximalen Personalisierung: Özdemirs Gesicht auf nahezu allen Plakaten, der Claim "Zweitstimme Cem Özdemir. Der kann es." und eine konsequente Ausrichtung der Kampagne auf die Frage: Wer soll Ministerpräsident werden? Da die Demoskopie diese Frage eindeutig zugunsten Özdemirs beantwortete, war es das zentrale Ziel, genau diese Frage wahlentscheidend zu machen. Thematisch setzte die Kampagne auf Wirtschaft und Bildung, zwei Felder, auf die Grüne sich laut Schwelling selten trauen, und verband Klimapolitik gezielt mit wirtschaftlichen Fragen.

Die letzten zehn Tage und das Video

In der Schlussphase tauchte ein Video auf, das eine heftige öffentliche Debatte auslöste. Bukow ordnet den Effekt als real, aber begrenzt ein: Viele Wählerinnen und Wähler hätten das Video gar nicht wahrgenommen. Entscheidender war seiner Einschätzung nach, dass die generelle Dynamik bereits vorher zugunsten der Grünen lief und die Zuspitzung am Wahlkampfende Mobilisierung auslöste. Schwelling betont, die Partei habe von dem Video nichts gewusst. Sie kritisiert das Krisenmanagement der CDU: Eine klare Entschuldigung hätte die Sache rasch beenden können. Beide sehen auch handwerkliche Fehler der CDU als mitentscheidend, etwa die zu späte Fokussierung auf das direkte Duell mit Özdemir und die fehlende Profilschärfung Manuel Hagels.

Stadt-Land-Gefälle

Die Wahlkreiskarte zeigt deutlich: Die Grünen dominieren in Stuttgart und den Universitätsstädten, während die Fläche schwarz ist. Bukow relativiert das etwas: Die Grünen sind auch in ländlichen Wahlkreisen noch bei über 20 Prozent und damit keineswegs inexistent. Das Splitting zwischen Erst- und Zweitstimme war enorm, was zeigt, dass viele Menschen regional CDU, aber mit der Zweitstimme grün gewählt haben. Die neue Wahlrechtsreform ermöglicht es den Grünen, über Listenmandate auch in strukturell schwachen Wahlkreisen wie Rottweil oder Tuttlingen vertreten zu sein, was Schwelling als Chance für Parteistrukturen in der Fläche bewertet.

AfD und demokratische Opposition

Mit 18,5 Prozent ist die AfD drittstärkste Kraft und stellt die mit Abstand größte Oppositionsfraktion, während die SPD mit nur zehn Abgeordneten kaum als Gegengewicht fungieren kann. Schwelling zeigt sich persönlich erschrocken und sieht Handlungsbedarf: Gerade in ländlichen Regionen treibe das Gefühl des Abgehängtseins, unabhängig von objektiven Wirtschaftsdaten, Menschen zur AfD. Fragen wie Busverbindungen, Schulen, Dorfläden und Bankfilialen seien dabei sehr konkret. Bukow ergänzt, dass das AfD-Ergebnis trotz der wirtschaftlich schwierigen Lage nicht über den Werten von vor zehn Jahren liege, was er vorsichtig positiv wertet.

Übertragbarkeit auf andere Landesverbände

Schwelling warnt vor einer simplen Eins-zu-Eins-Übertragung des "Modells BW" und zitiert Özdemirs Satz über Kretschmann: kapieren, nicht kopieren. Entscheidend seien zugkräftige Personen, konsequente Demoskopie-Orientierung und eine Kampagne, die zu den Themen des jeweiligen Landes passt. Sie plädiert zudem für mehr Pragmatismus und weniger innerparteiliches Schubladen-Denken. Bukow sieht die wichtigste Lehre darin, die richtigen Personen frühzeitig aufzubauen und konsequent die Milieus zu adressieren, die über den Sieg entscheiden.

Illustration einer blauen Wahlurne mit der Aufschrift „LTWBW 2026", in die ein Stimmzettel eingeworfen wird. Hintergrund in Rosa.

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