„Fertilitätskrise“: Auch der unerfüllte Wunsch Schwanger zu werden ist politisch

Analyse

Immer mehr Menschen würden gerne Kinder – oder mehr Kinder – haben, als sie bekommen. Das verdient Solidarität. Doch worin liegen Ursachen, und welche Lösungsmöglichkeiten gibt es? Eine queer-feministische Spurensuche.

In Deutschland und anderen Ländern versuchen immer mehr Menschen erfolglos schwanger zu werden oder entscheiden sich, aufgrund äußerer Umstände, den Kinderwunsch zu verschieben oder aufzugeben. Im Jahr 2020 waren über 40% der 25-34-Jährigen ungewollt kinderlos. Diese Zahlen steigen stetig an. Dabei sind nicht mal diejenigen mitgezählt, die bereits Kinder haben und gerne mehr bekommen würden[1]. Vor diesem Hintergrund spricht der United Nations Population Fund (UNFPA) in seinem jüngsten Report dezidiert von einer „Fertilitätskrise“[2].

Zu biologischer Infertilität kommt die sogenannte „soziale Infertilität“ hinzu. Dieser Begriff erweitert den Analysehorizont, indem er auf soziale, zwischenmenschliche, strukturelle und ökonomische Gründe für Kinderlosigkeit aufmerksam macht.

Ungewollte Kinderlosigkeit ist politisch

Es gab schon immer Menschen, die nicht schwanger werden konnten. Aus feministischer Sicht ist es zudem eine positive Entwicklung, dass sich immer mehr Menschen gegen Kinder entscheiden können, wenn sie das wollen. Doch die steigenden Zahlen derer, die erfolglos versuchen, schwanger zu werden, rufen dazu auf, auch dieser Entwicklung auf den Grund zu gehen. Ungewollte Kinderlosigkeit ist nämlich zumindest teilweise ein Resultat des Systems, in dem wir leben.

So steigt biologische Unfruchtbarkeit erwiesenermaßen aufgrund äußerer Einflüsse wie Pestizide,[3] Mikroplastik,[4] hochprozessierte Ernährung[5] und sogar Lärmbelastung.[6] Davon sind manche stärker betroffen als andere, denn giftige Abfälle und laute Straßen sind seltener in „guten Wohngegenden“ zu finden. Ungewollte Kinderlosigkeit ernst zu nehmen bedeutet also auch, für eine gesunde Umwelt und Umweltgerechtigkeit zu kämpfen.

Hinzu kommt ein Gesundheitssystem, welches in patriarchale und kapitalistische Logiken eingebettet ist und dementsprechend zu biologischer Unfruchtbarkeit beiträgt. Endometriose und PCOS sind nur zwei Beispiele für Erkrankungen, die kaum erforscht sind und häufig erst spät erkannt werden. Menschen, die unter Endometriose leiden, warten momentan etwa 6-10 Jahre auf eine Diagnose[7] - Zeit, die einen erheblichen Einfluss auf die Kinderplanung haben kann.

Zu biologischer Infertilität kommt die sogenannte „soziale Infertilität“ hinzu. Dieser Begriff erweitert den Analysehorizont, indem er auf soziale, zwischenmenschliche, strukturelle und ökonomische Gründe für Kinderlosigkeit aufmerksam macht. 

Hier ist zu beobachten: Wenn Arbeitslosigkeit steigt und Beschäftigung unsicherer wird,[8] oder wenn wirtschaftliche Unsicherheit insgesamt zunimmt,[9] schieben immer mehr Menschen den Kinderwunsch in der Hoffnung auf bessere Zeiten auf. Dies hängt auch mit der Krise um Wohnraum zusammen[10]: Je angespannter der Wohnungsmarkt, desto schwieriger ist es, sich noch ein Kinderzimmer leisten zu können. Ebenso wie bei Umweltfaktoren reproduzieren sich auch hier Ungleichheiten. Beispielsweise zeigten Forscher*innen in den USA, dass Mieter*innen, die sich ihre Mieten kaum leisten können, ihre Kinderwünsche stärker aufschieben als jene in erschwinglicheren Mietverhältnissen.[11] Vor diesem Hintergrund bemerkten Demograf*innen, dass ein „Marktkapitalismus“ mit reduzierter wohlfahrtsstaatlicher Unterstützung die Fertilitätsraten negativ beeinflusst[12]

Diese Studienergebnisse spiegeln sich auch in Deutschland in Umfragen wider: Immer mehr Menschen geben an, dass sie ihren Kinderwunsch nicht nur verschieben, bis sie eine*n passende*n Partner*in gefunden haben. Sie möchten auch solange warten, bis sich ihre finanzielle Situation stabilisiert hat – eine Zielvorstellung, die für immer weniger Menschen in ihren 20ern und frühen 30ern erreichbar ist. Dementsprechend steigt das Alter der Erstgebärenden (und damit auch altersbedingte Infertilität) stetig: 2025 lag das durchschnittliche Alter von Erstgebärenden bei knapp 32 Jahren;[13] 1970 waren es in der BRD noch 24,3 Jahre[14].

Zusammenfassend wird die Entwicklung steigender Kinderlosigkeit und älterer Erstgebärender häufig als eine Konsequenz von Selbstverwirklichung und Emanzipation von Frauen- auch im Zuge der Verbreitung hormoneller Verhütungsmittel- gedeutet. Während beide Faktoren eine wichtige Rolle spielen, verbergen sich hinter diesem Trend auch ökonomische Zwänge sowie ein Mangel an flexiblen Arbeitszeiten und kollektiver Verantwortungsübernahme für Kinder.

Ein Recht auf ein “eigenes Kind“? 

Aus ihrer Position heraus haben marginalisierte Menschen schon lange ein Bewusstsein für strukturelle Schieflagen und Gewalterfahrungen, die Kinderwünschen im Wege stehen. Vor diesem Hintergrund fügten Schwarze Feminist*innen dem Konzept der reproduktiven Gerechtigkeit[15] eine explizite Forderung hinzu: Das Recht, Kinder zu bekommen, und diese unter sicheren und gesunden Bedingungen großzuziehen.[16] Damit reagierten sie auf einen weißen Feminismus, der es mit seinem engen Fokus auf Schwangerschaftsabbrüche mitunter verpasste, eine breitere Solidarität im Kontext reproduktiver Gewalt und Bevölkerungspolitik zu zeigen. 

Die Forderung, dass das Recht, keine Kinder zu bekommen, von einem „Recht auf ein Kind“ flankiert werden muss, bezieht sich also auf strukturelle Gewalt. Diese äußert sich historisch und aktuell in Zwangssterilisierungen, erzwungener Verhütung, Zwangsadoptionen, medizinischer Vernachlässigung oder Stigmatisierung von armen, be_hinderten oder BIPoC-Familien. 

In Deutschland wird diese Forderung nun vermehrt auf ein individuelles Recht im Kontext von kommerzieller „Eizellspende“ und Leihschwangerschaft angewendet, die hier illegal sind. Dies ist eine Umdeutung des ursprünglichen Gedankens gegen reproduktive Gewalt, die bisher nicht von den Müttern des Konzepts der Reproduktiven Gerechtigkeit geteilt wird.

Von „globalen Care-Ketten“ zu „globalen Fertilitätsketten“

Im Kontext ungewollter Kinderlosigkeit werden reproduktive Technologien ein immer integralerer Teil des Schwangerwerdens. Hier verengt sich der Diskurs um ungewollte Kinderlosigkeit teilweise auf den Versuch, mit technischer Hilfe die biologische Reproduktion innerhalb von Kernfamilien zu ermöglichen. So bietet beispielsweise das BMBFSFJ „Hilfe und Unterstützung bei ungewollter Kinderlosigkeit“. Dort geht es direkt und ohne Ausnahme um reproduktive Technologien, die ausschließlich für heterosexuelle Paare bezuschusst werden. Alternative Möglichkeiten der Familiengründung – wie zum Beispiel Adoption, Pflegekinder, oder Beziehungen mit Kindern, die über das Modell des „eigenen Kindes“ in einer Paarbeziehung hinausgehen – werden nicht genannt. Vielmehr werden sie durch die deutsche Gesetzgebung in Deutschland teilweise aktiv erschwert.

 Eizellen und Leihschwangere kommen überwiegend aus marginalisierten Communities, häufig im globalen Süden.

In Gesellschaften, in denen wir Menschen mit Kinderwunsch keine angemessene Unterstützung bieten, werden Reproduktionstechnologien oder das Auslagern an Eizellspender*innen und Leihschwangere zu technischen Lösungen für Probleme, die zumindest teilweise sozial sind. In diesem Kontext ist die Fertilitätskrise im Kontext einer vielfach diagnostizierten „Care-Krise“ zu verstehen. Auch hier führt die Krise zu Auslagerung weil es keine sozial-politische Antworten gibt: In den 2000ern stellten Rhachel Parreñas und Arlie Hochschild fest, dass die Arbeitsmarktbeteiligung privilegierter Frauen mit der Auslagerung von Care-Arbeit an Migrant*innen einhergeht. Neben solchen „globalen Care-Ketten“ entstehen als Antwort auf die Fertilitätskrise neuerdings „globale Fertilitätsketten“[17], die ebenfalls auf globalen Ungleichheiten aufbauen und diese reproduzieren: Eizellen und Leihschwangere kommen überwiegend aus marginalisierten Communities, häufig im globalen Süden. Denn: Wunscheltern, die eine „Eizellspende“ oder Leihschwangerschaft in Anspruch nehmen wollen, orientieren sich mitunter am Preis. Dementsprechend ist auch das weit verbreitete Argument, Deutschland müsse „Eizellspende“ und Leihschwangerschaft legalisieren, weil diese sonst ausgelagert werden würden, nicht von Daten gedeckt. Beispielsweise kommt die höchste Nachfrage an Eizellen in Spanien aus Ländern, in denen „Eizellspende“ legal sind. Auch was Leihschwangerschaft betrifft, reisen beispielsweise US-Amerikaner*innen – ein Land, indem dieses Prozedere legal ist – nach Georgien, in die Ukraine und nach Ghana, weil das Verfahren dort aufgrund globaler Ungleichheiten billiger angeboten wird.

Für eine Welt, in der „pro life“ nicht mehr heißt, Menschen das Recht über ihren Körper abzusprechen, sondern sich für die Kinder einzusetzen, die geboren wurden und werden.

Eine queer-feministische Antwort 

Ungewollte Kinderlosigkeit wird bisher vor allem von konservativen und rechten Strömungen aufgegriffen. Das AfD-Bundestagswahlplakat „‘Neue Deutsche?‘ Machen wir selber“ (2017) ist dabei nur ein Beispiel für die rassistische Debatte um Fertilitätsraten. Die Parteiprogramme rechter und konservativer Parteien verraten aber auch, dass sie das Leid ungewollt Kinderloser vereinnahmt haben und es progressive Kräfte größtenteils versäumt haben, auf ungewollte Kinderlosigkeit einzugehen.

Eine Gegenantwort könnte wie folgt formuliert werden: Für eine Welt, in der „pro life“ nicht mehr heißt, Menschen das Recht über ihren Körper abzusprechen, sondern sich für die Kinder einzusetzen, die geboren wurden und werden. Und für Eltern, die gerne Kinder hätten, aber daran gehindert werden. Für eine Welt also – sowohl was die Natur, den Sozialstaat, das ökonomische System und das soziale Miteinander angeht –, in der Menschen Kinder haben können, wenn sie es wollen. Und zwar auf so vielfältige Weise, wie es Körper, Lebensvisionen und Arten zu lieben und zu sorgen sind. 


 


[4] 10.1016/j.scitotenv.2023.166258

[8] Sobotka, Skirbekk und Philipov 2011, 273–74; 10.1111/j.1728-4457.2011.00411.x

[10] Rindfuss, Brauner-Otto 2008, https://doi.org/10.1146/annurev.soc.26.1.271; van Wijk 2024, 10.1002/psp.2787

[11] Japaridze und Sayour 2024, 22, 10.1007/s11113-024-09865-8


Dieser Artikel erschien zuerst hier: www.gwi-boell.de