Gott, Vaterland, Familie. Der Kulturkampf der Rechten in Brasilien

Dossier

In Brasilien gelang den Rechten 2018 ein Wahlsieg mithilfe einer aberwitzigen Desinformationskampagne. Es folgten Verleugnungen der ehemaligen Militärdiktatur, der Sklaverei und des Klimawandels sowie die Demontierung von Kulturförderung und Wissenschaft. Brasiliens Ex-Präsident Jair Bolsonaro rief den Kulturkampf aus. Er ist bis heute in vollem Gang.

 

Claude hat geantwortet: Protestfoto von einer Pride-Demonstration in Brasilien (Foto: Mídia Ninja).Protestfoto von einer Pride-Demonstration in Brasilien. Im Vordergrund eine Drag-Person mit pinker Glitzerperücke, dramatischem Make-up und buntem Outfit, die einen Regenbogenfächer mit der Aufschrift „FORA BOLSONARO" hält und die Zunge herausstreckt. Im Hintergrund Demonstrierende mit Regenbogenfahnen und Pride-T-Shirts sowie Polizeibeamt*innen.

In einem Interview kurz nach dem Amtsantritt von Präsident Bolsonaro am 1. Januar 2019 sagte der Schauspieler Wagner Moura: »Brasilien hat keinen Präsidenten gewählt. Brasilien hat eine ‚Penis-Babyflasche‘ gewählt.« Mouras Satz war eines der ersten öffentlichen Statements zu einer kommenden diskursiven Katastrophe.

Zum Kontext des Zitats: Während der Wahlkampagne 2018 wurde in sozialen Netzwerken die Nachricht verbreitet, die Arbeiterpartei (PT) unter dem Kandidaten Fernando Haddad plane, Trinkflaschen mit Saugern in Penisform an staatliche Kindertagesstätten zu verteilen. Mit dem angeblichen Ziel, Kindern eine ‚homosexuelle Ideologie‘ aufzuzwingen. Später stellte sich heraus, dass die besagte Babyflasche nichts mit dem PT-Regierungsprogramm zu tun hatte, doch die Falschmeldung hatte sich bereits viral verbreitet, Zweifel gesät und das Image der PT unter vielen potentiellen Wähler*innen stark beschädigt.

Emanzipation in der Schusslinie

Der Diskurs von »Gott, Familie, Vaterland« wurde unter Bolsonaros Regierung unermüdlich wiederholt und hat sichtbare Spuren in der Gesellschaft hinterlassen. Gemeinsam mit seiner evangelikalen Fraktion im Bundeskongress setzte Bolsonaro LGBTIQ+ Themen mit der »Zerstörung der Familie« gleich. Den Worten folgten Taten: Zu Beginn der Legislaturperiode seiner extrem rechten Regierung schloss er die LGBTIQ+ Bevölkerung aus der Liste der Maßnahmen und Leitlinien zur Förderung der Menschenrechte aus.

Dabei gilt Brasilien als eines der fortschrittlichsten Länder bezüglich LGBTIQ+ Rechten: Die gleichgeschlechtliche Ehe ist seit 2013 legal und im vollen Umfang gleichgestellt mit der heterosexuellen Ehe. Seit 2018 können Transpersonen ihren Namen und ihren Geschlechtseintrag auf persönlichen Dokumenten ohne geschlechtsangleichende Chirurgie oder Gerichtsbeschluss offiziell ändern lassen. Seit 2019 – in einer Entscheidung des Obersten Bundesgerichtshofs und nicht der Regierung – wird Homo- und Transfeindlichkeit im Strafgesetzbuch mit Rassismus (der in Brasilien seit 1989 eine Straftat ist) gleichgestellt. Mit Erika Hilton und Duda Salabert hat das Land seit der Präsidentschaft des amtierenden Lula da Silva im Jahr 2023 zum ersten Mal zwei Transfrauen als Bundesabgeordnete. Doch trotz, oder als Reaktion auf die erkämpften Errungenschaften der LGBTIQ+ Bewegung verzeichnet Brasilien seit Jahren weltweit die höchste Zahl an Morden an Transpersonen.

Transfeindlichkeit und toxisches Männerbild

Bolsonaros Regierung schränkte den Zugang zur legalen Abtreibung im Fall einer Vergewaltigung ein, obwohl dieses Recht seit 1940 in der Verfassung steht. Dieses 86 Jahre alte Gesetz passt nicht zum Weltbild der brasilianischen extremen Rechten. In ihrem Weltbild, sollen ‚echte‘ Männer und Frauen für den Erhalt der ‚traditionellen‘ Familie sorgen, anstatt abzutreiben.

Bis heute steht Gewalt gegen (Trans- und Cis-)Frauen in Alltag und Politik auf der Tagesordnung. Schlüsselfiguren der rechtsextremen Fraktion, wie der Bundesabgeordnete Nikolas Ferreira, arbeiten eifrig an Fake News und Diffamierungskampagnen. Das zeigte sich nach der Wahl der Bundesabgeordneten Erika Hilton als Präsidentin des Ausschusses zur Verteidigung der Frauenrechte Anfang März 2026. Im Internet predigte Ferreira, Hilton dürfe den Posten nicht belegen, da sie »keine echte Frau« sei.

Auch der zwei Wochen später vom Senat verabschiedete Gesetzentwurf, der Misogynie (Frauenfeindlichkeit) unter Strafe stellt, sei ein »Wahnwitz«, so Ferreira. Eigentlich ist der Entwurf eine Reaktion auf die weiterhin hohen Zahlen von Femiziden – 1.568 Fälle im Jahr 2025, im Durchschnitt vier getötete Frauen pro Tag.

Die ‚Identitarismus-Ideologie‘

Auf einem Schlachtfeld mit so vielen ‚Feinden‘, ist es nicht überraschend, dass sich – ähnlich zur Gender- und LGBTIQ+ Debatte – mehrere Themen der Rechten verflechten. So war es auch bei der Diskussion über Rassismus, Klassismus, Chancengleichheit und Identitätspolitik. Unter der ersten Präsidentschaft von Lula da Silva ab dem Jahr 2003 und seiner Nachfolgerin Dilma Rousseff wurden soziale Bewegungen gestärkt, ebenso Schwarze, Indigene und LGBTIQ+ Bewegungen. Das Gegenteil passierte unter Bolsonaro: Er erklärte in seinem Präsidentschaftswahlkampf, die Rolle von Minderheiten sei es, »sich dem Willen der Mehrheit zu beugen«. Dabei machen zum Beispiel Schwarze Menschen 56 Prozent der Bevölkerung aus. Auch die Indigene Bevölkerung geriet unter Beschuss. Sie musste den Weg für Agrarkonzerne freimachen und bekam von Bolsonaro zu hören, sie nehme »viel zu viel Land« in Anspruch. Rassistische Aussagen gegenüber Indigenen und Quilombolas (Nachfahren geflohener versklavter Menschen) bleiben auf der Tagesordnung. Die Mobilisierung der Indigenen und der Schwarzen Bewegung wird von Gegner*innen abwertend als »Identitarismus« bezeichnet. Wie immer im Kulturkampf geht es auch hier darum, bestimmten Gruppen die Existenz abzusprechen.

Kultur und Wissenschaft als Feindesland

Die sogenannte ‚Gender-Ideologie‘ und der ‚Identitarismus‘ sind nicht die einzigen Zielscheiben der extremen Rechten in Brasilien. Als Bolsonaro 2019 sein Amt antrat, schaffte er das Kulturministerium als eine der ersten Regierungshandlungen ab. Nicht nur ideologisch, auch finanziell waren die Verluste im Bereich Kultur und Wissenschaft verheerend. Die Abwertung der Kultur und Wissenschaft zeigte, wie tief das neue Regime Künstler*innen und Intellektuelle verabscheute, die in Brasilien weitgehend mit der Linken identifiziert waren.

Exemplarisch zeigte der Kultussekretär Roberto Alvim die ideologische Richtung der Regierung: Bei der Ankündigung eines Kunstpreises lehnte er seine Wortwahl eng an eine Rede von Goebbels an. Zu Klängen aus Wagners »Lohengrin« forderte er die brasilianische Kunst auf, »heroisch« und »national« zu sein – oder sie werde »nichts wert sein«. Olavo de Carvalho, ein Vordenker der extremen Rechten Brasiliens, prägt Alvim stark. Ernesto Araújo, den Bolsonaro zum Außenminister ernannte, hält den globalen Klimawandel für eine chinesische Erfindung.

Göttliche Unterstützung

Der Kulturkampf der extremen Rechten in Brasilien wäre ohne die Unterstützung der fundamentalistischen Evangelikalen nicht möglich. Heute machen sie ein Viertel der brasilianischen Bevölkerung aus – mit steigender Tendenz. In beiden Repräsentantenhäusern ist die »Bibel-Fraktion« mit 219 Abgeordneten und 26 Senator*innen stark vertreten. Bei Themen wie Abtreibung und Gender sind sich Evangelikale und Katholiken durchaus einig. Die religiöse Intoleranz in Brasilien wächst, besonders in Form gewaltvoller Übergriffe gegen Tempel der afrobrasilianischen Religionen. Auch die Verbreitung von Pfingstgemeinden während der letzten drei Jahrzehnte verändert die politische Landschaft.

Ein anderes wichtiges Element der brasilianischen extremen Rechten ist das im Jahr 2016 gegründete Medienunternehmen Brasil Paralelo (Paralleles Brasilien). Eine Produktionsfirma für audiovisuelle Inhalte und ein Streaming-Dienst, die sich auf konservative Themen, Geschichtsrevisionismus und Kulturkampf konzentrieren. Ihr Ziel ist es, »der kulturellen Vorherrschaft der Linken entgegenzuwirken«. Ihre Spender*innen investieren großzügig: Zwischen 2020 und 2024 wurden rund 25 Millionen Reais (etwa 4,2 Millionen Euro) allein für Anzeigen bei Meta ausgegeben. Eine zweite wichtige Säule von Brasil Paralelo ist ein Projekt, das rechte Inhalte an Schulen und NGOs verteilt. Damit soll die ‚linke Tendenz‘ im Bildungswesen bekämpft werden.

Demokratisches Musterbeispiel

Als Bolsonaro und seine Verbündeten 2025 wegen eines versuchten Staatsstreichs zu Gefängnisstrafen verurteilt wurden, atmeten die Progressiven erleichtert auf: Brasilien hat einen Putschversuch verhindert, Verschwörer*innen den Prozess gemacht und ist damit ein demokratisches Vorbild für die ganze Welt geworden. Einige Monate nach dem Urteil stellen sich jedoch Fragen: Was ist davon übriggeblieben? Ist Brasilien immun gegen die Einführung einer rechtsextremen Diktatur?

Die politisch progressiven sozialen Bewegungen Brasiliens mussten die Gefahr des Kulturkampfes von rechts erkennen. Sie wissen, es gibt noch viel zu tun. Nach der großen Mobilisierung gegen eine Begnadigung Bolsonaros muss sich die Gesellschaft nun täglich dem Kampf mit Fake News, Rassismus, Misogynie und Leugnung stellen.

Flavio Bolsonaro, Sohn und politischer Erbe von Jair Bolsonaro, wird im Oktober 2026 bei der Präsidentschaftswahl gegen Luiz Inácio Lula da Silva antreten und dieselbe Strategie wie sein Vater anwenden: Desinformation, Massenmanipulation und Verbreitung von Hass. Es ist wichtiger denn je, sich nicht zurückzulehnen, sondern Kraft zu schöpfen für die nächste Runde in diesem Kampf um Körper, Geist und Wähler*innenstimmen.


Der Artikel erschien zuerst beim iz3w. Veröffentlicht im iz3w-Heft 414.
Teil des Dossiers Kulturkampf. Dieses Dossier ist ein Kooperationsprojekt mit dem iz3w.