Die Rechten und der Igel
. Zweierlei Kulturkampf, vielerlei Kultur

Dossier

Der Kulturkampf ist in einer Hochphase und besonders die Rechten scheinen dabei immer Oberwasser zu haben. Ist das wirklich so? Und was bedeutet das eigentlich, Kulturkampf?

Claude hat geantwortet: Protestfoto einer Demonstration in Atlanta.Protestfoto einer Demonstration in Atlanta. Im Vordergrund eine Person, die eine Tuba spielt, auf deren Schalltrichter die Aufschriften „NO KINGS", „THIS MACHINE KILLS FASCISTS" und „ATLANTA COALITION ENSEMBLE" zu lesen sind. Im Hintergrund Demonstrierende mit Schildern, darunter „RESIST" mit einer Darstellung der Freiheitsstatue, „MIGRANTS […] US" sowie US-amerikanische Flaggen.

Kulturkampf ist en vogue. Die Vielfachkrise breitet sich aus, die Neue Rechte ist erstarkt und es stehen sich, scheinbar oder tatsächlich, überall zwei Lager gegenüber. Auf der einen Seite: die demokratische Zivilgesellschaft. Man setzt sich ein für Klimagerechtigkeit, Anerkennung der Genderdiversität, Bewegungs- oder Kunstfreiheit und andere progressiv besetzte Themen.

Auf der anderen Seite: eine imaginäre Gemeinschaft traditioneller, auf Ein- und Ausschluss bedachter autoritärer Charaktere. Manchmal lose assoziiert als soziale Bewegung etwa gegen die Multikultur, manchmal straff organisiert als Partei. Kultur gilt hier als Kitt der Gemeinschaft, Nation, Geschlechterrollen, Alltagsgewohnheiten. Die Kulturkämpfer beherrschen relevante Länder wie Indien, Russland und die USA. Wie kommt es dazu? Eine Erklärung: Die Krise und eine prekäre Zukunftsaussicht lösen die Sehnsucht nach der Vergangenheit aus. Der Philosoph Zygmunt Bauman nannte diesen Gegenpol zu Utopia »Retrotopia«.

Doch es ist, wie immer, komplizierter. Der rechte Kulturkampf speist sich auch aus einem Unbehagen am Neoliberalismus und aus dem Unbehagen an der Überforderung, die der kapitalistische Produktivitätsfortschritt den Einzelnen auferlegt. Das Unbehagen ist berechtigt – aber die Kulturkämpfer taugen mitnichten zur verfolgten Unschuld. Sie treten nach unten und in deutschen Bierzelten skandieren dann die AfD-Anhänger*innen: »Abschieben, Abschieben, Abschieben!« Das oben genannte fortschrittliche Lager steht dann vor dem Zelt und feiert nicht.

Dabei haben die beiden Lager kulturpolitisch oft einen gemeinsamen Fokus. Er heißt 1968. Für die einen bedeutet es Aufbruch, für die anderen Untergang.

1968

In der Linken gehört Optimismus derzeit nicht zur Grundausstattung. Sie rechnet fest mit der Katastrophe, unklar nur, ob sie per Krieg, Klimawandel, Artensterben, KI-generiert, via Social Media, Autoritarismus oder sonst wie kommt. Ausgerechnet der Blick nach rechts könnte die Verzweiflung beenden: Die Rechten verzagen gegenüber der gefühlten Allmacht der ‚Achtundsechziger‘. Die säßen fest im Sattel: in der Kultur, den Zeitungen, dem Öffentlichen Rundfunk, der Sozialen Arbeit, an Schulen und Hochschulen, der Erziehung, in den Betrieben. Dagegen sei nicht anzukommen. Der Staat alimentiere Weltverbesserer, die unsere Kinder indoktrinieren. Das hört sich gut an, könnte man links denken.

Zwar ist der rechte Kulturkampf bedrohlich, aber die rechte Paranoia vor den Achtundsechzigern zeigt auch: In der Linken, und vielleicht in der Kultur selbst, liegen Ressourcen, welche die Tendenz wenden können. Nach jedem antidemokratischen Zerstörungswerk der Präsidenten Erdoğan, Putin oder Trump sehen diese sich wieder öffentlichem Spott ausgesetzt. Nach der eigentlich niederschmetternden Verhaftung des führenden türkischen Oppositionspolitikers Ekrem İmamoğlu wurde dessen Wahlslogan massenhaft ironisch wiedergegen: »Alles wird sehr schön werden!«

Vielleicht ist es wie beim Märchen vom Hasen und dem Igel. Nach den Gebrüdern Grimm wird der Igel wegen seiner krummen Beine vom Hasen verspottet. Er fordert den Hasen zum Wettlauf und gewinnt diesen auf einer Strecke hin und her so oft, bis der Hase tot umfällt. Der Trick: Seine gleich aussehende Frau steht schon am Ziel und ruft: »ick bün all hier« (Ich bin schon da). Solche Fabeln gibt es auch in anderen Ländern in ähnlicher Form.

Der Zusammenhang zur Idee von 1968 ist, dass miese Verhältnisse sich wenden lassen. Die iz3w hat dem ‚Mythos 1968‘ die Ausgabe 364 gewidmet. »Dabei war 1968 ein beschissenes Jahr«, sagt dort im Einleitungsinterview das iz3w-Urgestein Christian Neven: Der Studentenaktivist Rudi Dutschke wurde niedergeschossen, die Sowjetunion marschierte in Prag ein, es gab polizeiliche Massaker in Mexiko, die Morde an Martin Luther King und Bobby Kennedy, Niederlagen und Notstandsgesetze. Aber daraus entstanden Suchbewegungen. Das Phänomen 1968 bezeichnet eine Epoche, in der Strömungen wie der Feminismus erstarkten. Dies war verbunden mit einem kulturellen Aufbruch in Musik, Literatur, Publizistik und Alltagskultur. Auch das ist eine Art von Kulturkampf.

Die indische Journalistin Rosamma Thomas schreibt in der iz3w 396, dass der Wahlsieg der hindunationalistischen BJP seit dem Jahr 2014 einen rechten cultural turn mit sich brachte. So seien »Hassreden, religiöse Polarisierung, gezielte Angriffe auf Minderheiten und die Aufstachelung zur Gewalt im Wahlkampf zur Normalität geworden«. Aber Thomas merkt auch an: »Altgewohnte Freiheiten lassen sich nicht lange unterdrücken.« Sie macht auf vielfältige kulturelle Gegenaktivitäten aufmerksam. In Gedichten, Theaterstücken oder Karikaturen »erklangen Lieder des Widerstands und Gedichte der Rebellion«.

Schönheit des Widerstands

Auch in den USA kann man einen culture war beobachten. Der zweite Wahlsieg von Donald Trump bei den Präsidentschaftswahlen brachte unter der Losung Make America Great Again (MAGA) eine Zäsur zugunsten einer Kultur nationaler, patriarchaler und imperialer Rückbesinnung. Die demokratische Seite konnte dieser Aufbruchsstimmung wochenlang nichts entgegensetzen und die Regierung Trump bestimmte die Agenda.

Erst jetzt meldet sich das andere Amerika zurück. Der Stimmungswechsel zeigt sich nicht nur an der Größe der Proteste mit über 3.000 Veranstaltungen am letzten März-Wochenende. Der Stimmungswechsel zeigt sich an der Art des Protests. Ein Motto heißt: »No Kings«. Das fortschrittliche Amerika spottet wieder über den zeitweise omnipotent erscheinenden Präsidenten. Da sind selbstgebastelte Riesenschmetterlinge, die den Frühling verkünden: »Das ICE schmilzt.« Da sind Menschen in Ganzkörper-Pinguinkostümen und wandelnde Freiheitsstatuen. Da ist ein Mann mit angeklebter Elvis-Tolle, der die Ansicht vertritt: »Es gibt nur einen King.« Eine Gruppe junger Swifties schlägt vor: »Taylor for President.« Auf Pappschildern stehen Sprüche wie »No Kings – Except Burger King« oder »Make Lying Wrong Again«.

Damit sind wir bei einem Charakteristikum erfolgreicher Protestbewegungen angelangt: die großen internationalen Proteste gegen die Neue Rechte, die Fridays-For-Future-Bewegung, die Pride Parades, soziale Bewegungen bis zum Arabischen Frühling und den heutigen GenZ-Protesten. Sie sind oft von Spott und einer undogmatischen, kreativen, witzigen Ausdrucksweise geprägt.

Das wird gefürchtet. Donald Trump zieht gegen die »woke Kultur« zu Felde. Die Islamische Republik Iran straft Blasphemie mit Haft und Hinrichtungen. Im Königreich Thailand werden Oppositionelle wegen Majestätsbeleidigung angeklagt und zu Gefängnisstrafen von bis zu 60 Jahren verurteilt. Ein Gerichtsprozess in Moskau widmete sich nun dem Kölner Karneval. Dort hat der Wagenbauer Jacques Tilly Figuren vorgeführt, die sich über den russischen Diktator Wladimir Putin lustig machen. Das Gericht sah die Tatbestände der Verletzung religiöser Gefühle und der Verbreitung von Falschnachrichten als gegeben an und verurteilte Tilly zu einer Haftstrafe von acht Jahren und sechs Monaten – für die Tilly jedoch nicht nach Moskau zu reisen gedenkt. Das Urteil nannte er »absolut unverhältnismäßig, eigentlich im Kern geradezu lächerlich«.

Der rechte Kulturkampf hat also eine lächerliche (und lächerlich zu machende) und eine tyrannische (zu bekämpfende) Seite: Er denkt Kultur als etwas Feststehendes, als Wiederbelebung von Traditionen und invariante Lebensweise. Er kämpft für die Renaissance alter Geschlechter- und Familienbilder, für die Wiederherstellung vergangener Hierarchien, ethnische Homogenität und so für die Abkehr von kultureller Vielfalt. Angesichts gesellschaftlicher Umbrüche wird die imaginierte Vergangenheit zum festen Halt.

Der Vordenker der Neuen Rechten Alain de Benoist schrieb in seinem Buch »Kulturrevolution von rechts« (1985), dass die 1968er den »Kampf um die Köpfe« geführt und eine »totalitäre kulturelle Hegemonie« erlangt hätten. Das will er drehen: »Es geht darum, unsere Ideen im kulturellen und im vorpolitischen Bereich als führend zu setzen.« Martin Sellner, Benoist-Leser und österreichischer Vordenker der Identitären Bewegung, sieht deren Mission darin, einen anderen Bezug zu Identität, Herkunft, Kultur und Tradition zu finden. Ein Volk sei eine »gegen alles Fremde abgegrenzte Abstammungsgemeinschaft ebenso wie eine Sprach- und Kulturgemeinschaft«. Davon sei das Land jedoch nach 1968 weit abgekommen.

Welche Kultur?

Aber was ist Kultur? In einer fortschrittlichen Lesart bedeutet »Kultur« etwas anderes als in völkisch-identitären Konzepten. Sie ist nicht an Abstammung gebunden, sondern ein offener, dynamischer Bereich pluraler Lebensformen. Kultur entsteht hier durch Austausch zwischen Gruppen, durch Innovation und Migration, durch Vermischung im städtischen Alltagsleben, durch Wissenschaft, Kunst, Medien, durch Kritik und Veränderung. Diese Kultur ist prozesshaft und nicht statisch. Sie hat keine politische Funktion. Im identitären, essentialistischen Kulturbegriff ist Kultur dagegen überhistorisch, festgelegt, ordnungsstiftend, es gibt die Eigenen und die Anderen.

Inzwischen hat die völkisch-nationalistische Agenda die Mitte der Gesellschaft erreicht. Auch in den EU-Ländern Italien, Slowenien und Slowakei kann man beobachten, wie rechte Regierungen den Kulturbereich umbauen. In Deutschland zeigt der rechte Kulturkampf bereits ohne Regierungsbeteiligung der AfD Wirkung. Mit Kulturstaatsminister Wolfram Weimer sitzt in der Regierung ein Mann, der Kulturpolitik proaktiv nach rechts verschiebt. Eine der ersten Amtshandlungen Weimers waren Anweisungen an seine Mitarbeiter*innen, bitte keine geschlechtergerechte Sprache mit Sonderzeichen wie dem Genderstern zu verwenden. Beim aktuellen Buchhandlungspreis der Bundesregierung schloss Weimer drei linksgerichtete Buchhandlungen aus. Er begründete dies vage mit »verfassungsschutzrelevanten Erkenntnissen«, die nie konkretisiert wurden. Damit brachte der Kulturstaatsminister große Teile der Kulturszene gegen sich auf. Sebastian Guggolz, Vorsitzender des Deutschen Börsenvereins des Buchhandels, kritisierte: »Wir werden Ihre Stigmatisierung und Ihre begriffliche und weltanschauliche Verengung der Vielfalt, ja Ihren fragwürdigen autokratischen Gestus nicht klaglos akzeptieren.« Nach dem Eklat findet sich Weimer in der Defensive: »Das ist überhaupt nicht als Kulturkampf gedacht.«

Warum gibt es ihn? Zygmunt Bauman geht in »Retrotopia« von einer globalen krisenhaften Moderne aus. Aus den kapitalistischen Überforderungen und postkolonialen Enttäuschungen resultiert das restaurative Rollback in unterschiedlichen Ausformungen. Im Globalen Süden lindert der rasante Fortschritt für viele die Armut nicht – und die Informalisierung der Ökonomie überfordert die Einzelnen. Die Auflösung alter familiärer oder tribaler Sicherheiten wird nicht durch größeren Wohlstand und soziale Absicherung ersetzt. Diese Enttäuschung der Globalisierung befördert die Sehnsucht zurück in eine vermeintlich bessere nationale oder ethnische Kultur, zurück in alte Reiche und Glaubensregime. Der Sehnsuchtsort heute sei keine Utopie, sondern, wie etwa im Islamismus, eine »Retropie der untoten Vergangenheit«. Das führe zur kulturellen Abkehr vom Konzept moderner Vergesellschaftung. Integration sei nur noch über den Modus des eigenen Einschlusses und des Ausschlusses anderer denkbar. Da gibt es »ein behagliches Heim, ein unbehagliches Draußen; Zuwendung im Inneren und Entfremdung, Argwohn und Wachsamkeit nach außen. Diese Vision und diesen Modus verkörpert heute der Nationalismus«.

Subversion

Betreibt die Linke auch einen Kulturkampf? In der einfacheren linken Protestauffassung dient die Kultur der Dekoration des Protests. Wenn die örtliche Gewerkschaft gegen Sozialabbau protestiert, zimmert sie einen Sarg, auf den sie »Sozialstaat« schreibt. So weit, so kreativ. Die ambitionierten Formen kulturell inspirierten Protests haben sich in Theorien wie dem Situationismus damit beschäftigt, wie eine Widerstandsform das Bestehende grundsätzlich infrage stellen und transzendieren kann, um auch die Vorstellung des Besseren aufzuzeigen. Spannend wird es, wenn diese Ansätze ihre Nischen verlassen und in Massenprotesten oder kulturellem Aufbruch wie nach 1968 aufgehen können.

So ist in der Linken eine kulturelle Ressource geborgen. Bert Brecht schrieb Theaterstücke wie das »Leben des Galilei«, um das Bewusstsein zu verändern. Aber das A und O sei die materielle Veränderung der sozialen Verhältnisse. Im »Leben des Galilei« heißt das: »Die Wahrheit ist nur der Anfang; man muss sie auch nutzbar machen.«

Beispielhaft sei hier das Konzept der Kommunikationsguerilla erwähnt. Im »Handbuch der Kommunikationsguerilla« bekennen sich die Autor*innen als undogmatische Linke der Nach-Achtundsechziger-Zeit. Sie schreiben: »Kommunikationsguerilla will die Selbstverständlichkeit und vermeintliche Natürlichkeit der herrschenden Ordnung untergraben. Ihre mögliche Subversivität besteht zunächst darin, die Legitimität der Macht infrage zu stellen und damit den Raum für Utopien überhaupt wieder zu öffnen.«

Diese undogmatische Strömung hat es nicht immer leicht in der Linken, aber sie ist ein Bestandteil. Als Spaßguerilla, Culture Jamming, Subversive Kunst, Verstecktes Theater, und anderen Formen wächst sie aus dem Frust über die betonierten Herrschaftsverhältnisse und einer in der Orthodoxie verharrenden Linken heraus. Das »Theater der Unterdrückten« des Theaterwissenschaftlers Augusto Boal etwa intervenierte kritisch in das Alltagsleben, ausgehend von São Paulo und Buenos Aires. Das Potential kunstvollen Ausdrucks und kreativer Aktionsformen manifestiert sich später in Pride Parades, in den Farbenrevolutionen oder zuletzt den Gen-Z-Protesten.

Kann man von einem Kulturkampf zwischen links und rechts sprechen? Schwierig. Kommunikationsguerilla beispielsweise spielt qualitativ in einer anderen Liga als der rechte Kulturkampf. Da sei etwa das Kunstkollektiv Pussy Riot genannt, mit ihrem Punkgebet in einem russisch-orthodoxen Gotteshaus. Auf Seite 32 wird es als Intervention im Kulturkampf der Russischen Föderation aufgeführt. Ergänzend sei angemerkt, dass sich der Protest gegen Präsident Wladimir Putin und den Patriarch Kyrill I. richtet und deren essentialistischen Nationalismus und Katholizismus. Pussy Riot agiert demgegenüber antiessentialistisch. Gängige Frauenbilder werden bei der Aktion dekonstruiert, weil die Band mitnichten gemäß dem Rollenbild von der passiven und sorgenden Frau, sondern subversiv agiert. So treffen bei der Aktion eben nicht zwei austauschbare Kulturen aufeinander, sondern qualitativ unterschiedliche Kulturauffassungen.

Die Neue Rechte ist global auf dem Vormarsch. Doch bei den »No Kings«-Events gegen die Trump-Regierung dreht sich wieder etwas. Und es gab die beiden uneinnehmbar erscheinenden Festungen des PiS-regierten Polen und des Fidesz-regierten Ungarn, in denen die Medien und Kultur auf Linie gebracht worden waren. Doch auch sie fielen – nach Massenprotesten; und der Igel rief: »Ich bin schon da.«


Der Artikel erschien zuerst beim iz3w. Veröffentlicht im iz3w-Heft 414.
Teil des Dossiers Kulturkampf. Dieses Dossier ist ein Kooperationsprojekt mit dem iz3w.