Frauen.Macht.Klima – Warum wir eine geschlechtergerechte Klimapolitik brauchen

Keynote von Ulrike Röhr, GenderCC - Women for Climate Justice | Sind Frauen die besseren Klimapionierinnen? | 11. Dezember 2021

Weiter geht's mit den Klimapionierinnen als Mittagspausen-Gespräch am 14.7. um 12:30 Uhr

Klimapionierinnen

Sind Frauen die besseren Klimapionierinnen? | 11. Dezember 2021

Doris Behrens:

Bevor wir zu unserem Einführungsvortrag mit dem Titel „Frauen Macht Klima – Warum wir eine geschlechtergerechte Klimapolitik brauchen“ kommen, möchte ich Frau Ulrike Röhr kurz vorstellen. Ulrike Röhr ist Bauingenieurin und Soziologin und arbeitet seit vielen Jahren zu den Gender Aspekten der Umwelt- und auch Klimapolitik. Sie hat Genanet, die Leitstelle Gender, Umwelt, Nachhaltigkeit aufgebaut und das internationale Netzwerk GenderCC - Women for Climate Justice mit ins Leben gerufen. Ihr aktueller Arbeitsschwerpunkt ist die geschlechtergerechte nationale Klimapolitik. Studien zeigen, dass geschlechtergerechte Gesellschaften einen geringeren CO2-Fußabdruck haben. In ihrem Vortrag beleuchtet Frau Röhr daher folgende Fragen: Was wissen wir über Gender Aspekte des Klimawandels? Was ändert sich, wenn mehr Frauen in Führungspositionen in Politik und Wirtschaft sind? Was sind die Voraussetzungen für eine transformatorische Klimapolitik in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft? Und welchen Beitrag können Frauen dazu leisten? Sie selbst sagt, Frauen setzen sich, wenn sie Entscheidungspositionen innehaben, stärker als ihre männlichen Kollegen für Klima und Umweltschutz ein. Ob sie das auch machen, wenn sie irgendwann in Wirtschaft und Politik im gleichen Maße an Entscheidungen beteiligt sind wie die Männer, das wissen wir erst dann, wenn es so weit ist. Und das kann bekanntlich ja noch ein bisschen dauern. Liebe Frau Röhr, gerne übergebe ich nun das Wort an Sie, die Bühne steht Ihnen zur Verfügung.

Ulrike Röhr:

Zum Ablauf meines Vortrages: Ich fange damit an, zu versuchen, die Frage zu beantworten, ob wir überhaupt einen geschlechtergerechten Klimaschutz brauchen und in dem Zusammenhang natürlich, was denn überhaupt Gerechtigkeits-Auswirkungen beim Klima sind. Dann gehe ich weiter mit der Frage: Was wissen wir über die Gender Aspekte des Klimawandels und der Klimapolitik, um dann am Schluss nochmal zu gucken: Wo stehen wir? Wie sieht die Entscheidungs- und Gestaltungsebene aus? Wo stehen wir in der internationalen Klimapolitik, also der UNFCCC? Und wir beschäftigen uns mit der nationalen Klimapolitik vor allen Dingen, da sind wir ja gerade im Umbruch. Insofern tappen wir da so ein bisschen im Vagen, wie es weiter gehen wird. Aber wir werden sehen, das können wir dann ja vielleicht diskutieren.

Auf der auf der Suche nach Antworten auf die Frage, ob Frauen die besseren Klimapionierinnen sind, gilt es für mich immer zwei unterschiedliche Stränge zu verfolgen. Der eine fragt, ob Frauen sich stärker für Klimaschutz einsetzen oder einsetzen würden, wenn sie denn in Entscheidungspositionen wären. Und der zweite befasst sich eher mit den Inhalten, nämlich der Frage, ob Frauen, wieder vorausgesetzt, dass sie in den entscheidenden Positionen sitzen, sich stärker für einen gerechten und da vor allen Dingen für einen geschlechtergerechten Klimaschutz einsetzen. Dann gibt es natürlich noch die Frage zu klären, warum das so ist, also die Hintergründe für diesen Einsatz von Frauen, für das Klima und für einen geschlechtergerechten Klimaschutz. Diese Stränge sind natürlich alle miteinander verwoben und hängen auch eng zusammen. Aber weil wir die Frage, ob Frauen die besseren Klimaschützerinnen sind, dann auf dem Podium und mit den Podiums-Teilnehmerinnen diskutieren, möchte ich mich hier im Vortrag stärker auf den zweiten Strang konzentrieren. Und da stellt sich als erstes dann die Frage: Warum brauchen wir überhaupt einen geschlechtergerechten Klimaschutz? Trifft der Klimawandel nicht alle Menschen und alle Menschen gleich? Und damit sind wir schon mittendrin in einer Diskussion, die seit vielen Jahren geführt wird. Und diese Frage, ich kann nicht zählen, wie oft sie uns schon gestellt wurde: Wozu brauchen wir einen geschlechtergerechten Klimaschutz?

Die Antwort darauf ist: Ja, der Klimawandel trifft alle Menschen, aber eben nicht alle gleich. Die einen können sich besser schützen, zum Beispiel die Menschen in den reicheren Ländern, im globalen Norden, im Verhältnis zu den ärmeren Ländern im globalen Süden. Bei anderen verstärkt sich die Care Arbeit, also die Versorgungsarbeit, die immer noch mehrheitlich von Frauen übernommen wird. Wiederum andere profitieren von den Jobs, die im Bereich der technischen Lösungsansätze zum Klimaschutz entstehen. Oder sie verlieren ihre Jobs. Auch das wird es geben oder gibt es sogar schon, um nur einige Beispiele zu nennen. Dahinter steht auch immer die Frage des politischen Einflusses, der Machtverhältnisse. Wer definiert die Probleme? Wer bestimmt, welche Lösungsansätze verfolgt werden? Wer bestimmt, wo es langgeht, was gemacht wird, wofür Geld investiert wird, wofür nicht und da schließt sich dann auch der Kreis wieder zurück zu der ersten Frage bzw. dem ersten Strang.

Was wissen wir überhaupt über die Wirkung des Klimawandels und der Klimapolitik ist die Frage aus der Geschlechterperspektive. Wir haben ein Forschungsprojekt durchgeführt, von 2017 bis 2019, der Endbericht wurde Anfang 2020 veröffentlicht, das wurde gefördert vom Bundesumweltministerium und begleitet vom Umweltbundesamt. In diesem Forschungsprojekt haben wir zum einen Literature Reviews gemacht, um zu gucken: Was gibt es überhaupt alles an wissenschaftlicher Evidenz für die Gender Aspekte? Keine Artikel in Zeitungen, sondern wirklich nur in Peer Review Fachzeitschriften. Und auf der anderen Seite, um nur zwei Schwerpunkte des Forschungsprojektes zu nennen, haben wir das Instrument des Gender Impact Assessments, also: „Wie kann ich eine Gender Analyse durchführen?“ auf den Klimawandel angepasst und dafür eine Handreichung herausgegeben. In diesem Rahmen haben wir Gender Dimensionen weiterentwickelt. Wir wurden von allen drei Organisationen, die daran beteiligt waren, nämlich dem Wuppertal Institut, dem Institut für sozialökologische Forschung in Frankfurt und GenderCC mit Sitz hier in Berlin, unterstützt. Wir haben alle mit Gender Dimensionen gearbeitet und haben sie zusammengepackt, sozusagen, sie waren natürlich ein bisschen unterschiedlich, und daraus eine gemeinsame Struktur entwickelt. In der neuen Handreichung vom Frauenministerium werden die Gender Dimensionen übrigens Wirkbereiche von Genderstrukturen genannt.

Die Dimensionen, auf die wir gucken müssen, sind: Was hat es für Auswirkungen auf die Versorgungsökonomie? Und dann jeweils die geschlechtergerechten Auswirkungen auf die Erwerbsökonomie, auf die öffentlichen Strukturen und Infrastrukturen wie Körper, Gesundheit, Intimacy, also auch im Privatleben, auf der Akteursebene, den Entscheidungspositionen: Wer gestaltet was? Und die Dimension symbolische Ordnung, weil das die Grundlage letztlich für vieles andere ist.

Die symbolische Ordnung beschreibt, wie Rollenzuschreibungen, wie Geschlechterzuschreibungen, wie Verantwortlichkeitszuschreibungen auf der individuellen Ebene wirken. Was sich daraus ergibt, an Einstellungen, an Verhalten, an Präferenzen und auf der strukturellen Ebene auch, wer bestimmt, worum es geht und welche Prioritäten gesetzt werden. Also es ist die so gerne erwähnte Maskulinitätsperspektive, die da dann stärker zum Ausdruck kommt. In diesem Bereich werden wir, ich will jetzt nicht sagen überschwemmt, aber es gibt aus allen Ländern der Welt unzählige Untersuchungen zu Bevölkerungsfragen, die belegen, und zwar überall in der Welt, dass Frauen deutlich besorgter sind über den Klimawandel, dass sie geringer als Männer skeptisch sind gegenüber dem, dass der Klimawandel tatsächlich passiert. Sie belegen, dass Frauen ein deutlich höheres Risikobewusstsein haben, das heißt Risiko-Technologien auch stärker ablehnen. Sie haben ein anderes Verhältnis zu Technologien als Männer, das ist ja, denke ich, auch bekannt. Sie lehnen Technik nicht ab, falls das jetzt irgendwie so angekommen ist, sondern sie versuchen auch immer, das zu kombinieren mit Lebensstiländerungen, zum Beispiel Verhaltensänderungen.

Es gibt natürlich auch Hintergründe dafür, die liegen zum einen in der Sozialisation bedingt. Also wenn man auf Sorge für Menschen erzogen und trainiert wird, dann ist der Weg relativ leicht, dann auch die Sorge für die Welt und die Umwelt zu übernehmen und natürlich auch für die Zukunft der folgenden Generationen.

Bevor ich noch auf ein Beispiel zu den Gender Identitäten eingehe, ist es mir wichtig, zu sagen, dass man diese Erkenntnisse mit Vorsicht genießen muss, weil Antwort und Realität doch sehr auseinanderklaffen. Wenn es wirklich so wäre, dass 85 % der Frauen und 70 % der Männer ihr Verhalten schon geändert haben, dann wären wir woanders, kann ich immer nur sagen. Das heißt, es werden auch bei Befragungen vermeintlich sozial erwünschte Antworten gegeben oder auch die, wie man sich selbst gerne sieht, das Selbstbild, was man von sich hat, spielt dabei eine Rolle. Aber weshalb es wichtig ist, sie trotzdem aufzugreifen oder zu erwähnen, ist, dass gerade diese Erkenntnisse, die ja so sehr auf der individuellen Ebene stattfinden, sehr gerne in der Klimapolitik aufgegriffen werden, nämlich indem überwiegend Frauen als die umweltbewusstere Bevölkerungsgruppe und deren Handlungsbereiche angesprochen werden, wenn es um Verhaltensänderungen geht. Zum Beispiel Klimaschutz durch Verhaltensänderungen, Energieeinsparung durch Verhaltensänderungen und so weiter.

Aber als Einzelpersonen treffen wir alle als Konsument:innen allenfalls Entscheidungen darüber, was wir aus dem angebotenen Sortiment kaufen. Das wiederum setzt dann auch ein informiert sein über Entscheidungen voraus, was wiederum voraussetzt, dass die für diese Entscheidung nötigen Informationen auch leicht zugänglich sind, was sie häufig ja nicht sind. Die Konsument:innen haben dagegen nur eine sehr begrenzte Macht und Kontrolle zu bestimmen, was produziert wird, also: Brauchen wir das so überhaupt? Wie wird das beworben? Warum wird es beworben? Was wird angeboten? Und vor allen Dingen auch, wie werden diese Güter produziert? Ja, daneben kann immer die Adressierung von Frauen für einen nachhaltigen Lebensstil schnell auch zu einer Feminisierung der Umwelt und Klima-Verantwortung führen, indem nämlich die Veränderungen den häufig ohnehin doppelt und dreifach belasteten Frauen aufgebürdet wird. Ja, wir müssen alle unseren Beitrag leisten, um die Emissionen zu mindern. Aber ganz wesentlich ist, dass die Politik die Rahmenbedingungen setzt, die dann auch dazu führen können, vor allen Dingen für die Wirtschaft, den Handel, fürs Bauen und Wohnen, die Stadt- und Verkehrsplanung.

Deshalb ist eben auch bei den Geschlechterunterschieden immer wieder zu verdeutlichen, dass diese auf Geschlechterrollen, auf zugeschriebenen Verantwortlichkeiten, auf Geschlechteridentitäten basieren, nicht auf dem biologischen Geschlecht. Mit einigen wenigen Ausnahmen muss ich sagen, das betrifft dann zum Beispiel Hitzewellen oder den Temperaturbedarf, einen Teil dieser Dimension der Gesundheit.

Ich mache mal ein Beispiel dazu, welche Rolle Geschlechtsidentitäten spielen, und zwar aus dem Bereich Landwirtschaft und Ernährung. Da wird ja viel diskutiert über den aus Klimaperspektive besonders relevanten Fleischkonsum, von dem wir wissen und auch belegen können, dass er bei Männern doppelt so hoch ist wie bei Frauen. Es gibt auch einen klaren Ost-West Divide, also er ist im Osten deutlich höher als im Westen. Das ist von dem Fleisch-Atlas aus 2016, der aktuelle Fleisch-Atlas von 2019 hat sich mehr auf junge Leute konzentriert und zeigt, dass auch bei den jungen Menschen 70 % der Vegetarier:innen und Veganer:innen weiblich sind. In höheren Altersklassen erhöht sich der Frauenanteil nochmal, da kann man sagen, so zwischen drei und sieben Prozent der vegetarisch und vegan Lebenden sind Männer. Deshalb haben Männer auch einen 40 % höheren CO2 Ausstoß, der der Ernährung zugeschrieben werden kann.

Weiter geht es mit der Care Economy, nämlich der Frage: Wie wirkt sich die Klimapolitik auf die Versorgungsarbeit aus? Gibt es da potenzielle oder auch direkt wirkende Mehrbelastungen für die Haushalte, für diejenigen, die die Versorgungsarbeit machen? Wie wirkt sich die Klimapolitik darauf aus, zum Beispiel im Sinne von Mobilitätsmustern? Wird das überhaupt berücksichtigt? Führt der Klimawandel und führen die Auswirkungen des Klimawandels zu Mehrbelastungen bei Pflege? Wie können wir überhaupt agieren in dem Feld?

Bei der Marktökonomie ist klar, da geht es dann nicht „nur“ um die Arbeitsplätze und Erwerbsarbeitsplätze und -positionen. Ich denke, wir alle kennen den Gender Pay Gap, den Gender Pension Gap und die horizontale und vertikale Segregation in den verschiedenen Berufsgruppen. Man sieht, dass die für den Klimawandel so wichtigen Berufe in der Bioenergie, Wasserenergie, und so weiter, einen sehr geringen Frauenanteil haben und das kehrt sich um bei den Berufen, die im Pflege- und Erziehungsbereich sind, also den in der Pandemie so viel beschworenen systemrelevanten Berufen. Das alles spielt in diesem Bereich mit rein, aber gerade die Bezahlung, die hat natürlich auch eine große Abhängigkeit zu den Emissionen.  Je höher das Einkommen, desto höher die Emissionen. Das hängt viel mit Autos zusammen, das hängt aber auch mit Wohnfläche zusammen, um einige Beispiele zu nennen. Es gibt Untersuchungen aus mehreren Ländern zu dem unterschiedlichen Carbon Footprint, also dem Klima- und CO2-Fußabdruck, von Frauen und Männern, dabei wird mehr oder weniger überall gezeigt, dass Männer einen 20 % höheren Carbon Footprint haben als Frauen. Da ist allerdings meistens auch die Mobilität miteingerechnet. Der Mobilitätsbereich ist dadurch gekennzeichnet, dass Männer deutlich mehr Auto fahren, längere Strecken fahren, die größeren Autos fahren, die schwereren Autos fahren und so weiter. Insofern verwundert das alles nicht.

Aber das UBA hat vor zwei, drei Jahren eine Studie herausgegeben, wo sie den Energieverbrauch auch ohne Mobilität untersucht haben, und auch da zeigen sich deutliche Unterschiede. Das Einkommen spielt, und deshalb ist die Marktökonomie auch so wichtig, natürlich auch eine wichtige Rolle bei den Energie- und CO2-Preisen. Wir haben mal untersucht, was die Erhöhung der Energiepreise durch CO2-Bepreisung bedeutet und das führt gerade für die ärmeren oder ärmsten Bevölkerungsteile, das sind vor allem viele Rentnerinnen und viele alleinerziehende Frauen, zu wirklich deutlich stärkeren Belastungen im Verhältnis zu ihren Einkommen und es kann eben auch beitragen zu Energie- und Mobilitätsarmut.

Gucken wir uns den Bereich Infrastrukturen an. Da ist das, was so als erstes in den Sinn kommt, die Frage ob die Mobilitätsinfrastruktur gleichwertig behandelt wird, ob also Fahrräder und Fußgänger und der öffentliche Personennahverkehr den gleichen Stellenwert wie der mobilisierte, motorisierte Individualverkehr hat oder ob es da Unterschiede gibt oder ob es da auch Kämpfe um Flächen gibt, oder zeigen sich auch da Gerechtigkeitsauswirkungen? Es gibt natürlich die Frage nach den Zugängen zur Verkehrsinfrastruktur, aber auch nach den Zugängen zu öffentlichen Ressourcen, nach Zugängen zu Geldern. Und damit komme ich zu dem hier so wichtigen Punkt der politischen Entscheidungs- und Gestaltungsmacht von Frauen.

Ich fasse es ein bisschen weiter hier und betrachte Frauen, nicht nur in der Politik, sondern in den verschiedenen Sektoren. In der Klimapolitik, wenn wir uns die nationale Ebene angucken, dann sehen wir, dass das Umweltministerium im Klimabereich relativ ausbalanciert besetzt ist, auch mit Frauen in den entsprechenden Entscheidungspositionen. In den anderen Ministerien, die für den sektoralen Klimaschutz zuständig sind, also Bauen und Wohnen, Wirtschaft und Energie, Industrie, Verkehr und so weiter, sieht es etwas weniger gut aus, wenn auch im Schnitt der Ministerien alle weitergekommen sind. Aber diese doch eher harten Themen sind dann etwas weniger gut besetzt. Am schlimmsten, muss ich sagen, sieht es aus bei den Frauen in Umweltverbänden. Ich weise darauf auch immer gerne hin, dass da ein großer Nachholbedarf ist. Wenn wir uns die Umweltverbände angucken, dann haben die zwar einen sehr hohen Frauenanteil beim Personal, deutlich über 50 %, aber wenn wir uns die Führungsebene angucken, dann gibt es irgendwie zwei, drei, vier Verbände von den 70 oder 80 Verbänden, die Mitglieder im Deutschen Naturschutzring sind, die eine Frau an der Führungsspitze haben.

Vielleicht kennen Sie den Fair Share Monitor, der guckt, wie in dem NGO-Bereich die Geschlechterverteilung ist und da gucke ich natürlich immer sofort, wie sieht das bei den Umweltorganisationen aus. Und da kann man jetzt in der Kürze eigentlich nur sagen, es gibt viel Luft nach oben.  Also da sind Greenpeace, WWF, BUND und ich weiß nicht wer noch, aber die sind eher am unteren Ende, sagen wir so. Es gibt immer wechselnd mal einen, hier Greenpeace glaube ich, die ein bisschen weiter oben sind, aber auch da ist sehr, sehr viel zu tun.

Das Folgende ist jetzt ein Beispiel aus dem Energiebereich zu Führungskräften, da hat sich zu meinem großen Entsetzen, und ich verfolge den Bereich wirklich schon seit mindestens 20 Jahren, in Deutschland kaum etwas geändert. Im internationalen Vergleich ist Deutschland beim Frauenanteil in den Führungsetagen in der Energiewirtschaft regelmäßig Schlusslicht oder im untersten Bereich zu finden, das gilt sowohl für die internationalen Daten, als auch für die europäischen. Der Bereich, von dem wir immer angenommen haben, dass sich da mal etwas ändern wird, ist die Bürger:innen-Energie, also das, was auf lokaler und auch dezentraler Ebene, im kleineren Format, stattfindet, wo eben auch die Mitwirkung deutlich einfacher ist. Aber eine Studie, die gerade dieses Jahr von WCF herausgekommen ist, zeigt sehr deutlich, dass es leider nicht stimmt, was damit zu tun hat, dass die Strukturen dann doch auch sehr männlich geprägt sind. Die Vorstände sind dann doch immer eher Männer, die vorher irgendwo in der Energiewirtschaft gearbeitet haben, also auch da bewegt sich nicht so nicht so wahnsinnig viel.

Als anderes Beispiel habe ich mir mal die Start-Ups angeguckt, also gründen Frauen grüner als Männer, und da zeigt sich, dem ist schon so. Die Zahlen aus der aktuellen Studie vom letzten Jahr, da war der Unterschied noch größer, da war der Anteil der Frauen bei den grünen Gründungen 22 %, bei den nicht-grünen 13 %. Das variiert immer ein bisschen, es stagniert, sagen die Menschen, die den Green Start-Up Monitor immer durchführen, aber der Frauenanteil bei den grünen Gründerinnen ist eben deutlich höher als bei den nicht-grünen Gründerinnen. Eine weitere Erkenntnis des Green Start-Up Monitor zeigt, dass rein weiblichen Teams auch in ihrer Unternehmensstrategie die Nachhaltigkeit und die ökologische und gesellschaftliche Wirkung deutlich wichtiger ist als den rein männlichen Teams, aber auch als den gemischten Teams, die ja immer so hervorgehoben werden als das Bessere.

Wir haben vor einigen Jahren ein Projekt durchgeführt, das hieß „Frauen Unternehmen Green Economy“ und haben eine Frage bei Unternehmerinnen dazu gemacht, wie wichtig ihnen das Thema ist, aber auch, was sie machen, was sie brauchen, was sie an Unterstützung brauchen, was sie gerne machen würden, wo sie mehr umsetzen würden. Und da ist ganz deutlich, dass sie schon sehr viel machen, aber sehr viel mehr machen wollen. Also, dass sie viel machen, dass sie aber nur ganz wenig Unterstützung erfahren und auch nur Beratung erfahren, weil die Beratung sich häufig an größere Unternehmen wendet. Und sie fallen da durch das Raster, sowohl bei den Beratungen als auch in finanzieller Hinsicht, also bei Unterstützung, die kleine und schlecht ausgestattete und auch schlecht verdienende Frauen-Unternehmen natürlich auch immer deutlich stärker brauchen.

Diese Daten, die ich Ihnen gezeigt habe, da könnte man sagen, ja, das weist jetzt alles darauf hin, dass Frauen die besseren Klimapionierinnen sind. Ich sage jetzt ganz bewusst könnte, weil das gerade aus den Daten der Unternehmenswissenschaften auch nicht ganz sauber herauszuarbeiten ist. Unklar ist, wie das auch möglicherweise mit anderen Wirkungsfaktoren zusammenhängt.

Es gibt mehrere Untersuchungen dazu, die zeigen, dass Unternehmen mit einer verbesserten Geschlechter-Diversität in den Aufsichtsräten eine deutlich höhere Wahrscheinlichkeit haben, energieintensiver zu arbeiten, sprich weniger Energieverbrauch für die gleiche Produktionsmenge zu benötigen, weniger Treibhausgase auszustoßen, oder den Wasserverbrauch zu reduzieren.

Das ist eine Studie, die hat sich einen fünf Jahreszeitraum angeguckt und wie da der Anteil gestiegen ist an Frauen in den Aufsichtsräten, in den Führungsebenen, und sich der Ressourcenverbrauch verändert hat in der Zeit. Wenn man demnach sagt, Unternehmen, die mehr Frauen in den Führungsebenen oder in den Aufsichtsräten haben, haben eine 60 % höhere Wahrscheinlichkeit, Energie einzusparen, das hat der Zeitraum über die letzten fünf Jahre gezeigt, was sind denn die anderen Wirkungsfaktoren dabei? Also gab es vielleicht politische Regulierungen, die zumindest auch dazu beigetragen haben? Ist zum Beispiel die Energie teurer geworden, wird sie anders erzeugt, und so weiter, es gibt viele Möglichkeiten, die zumindest auch dazu beitragen. Ich will nicht sagen, dass es nicht stimmt. Ich will nur sagen, man muss vielleicht doch noch mal ein bisschen genauer gucken.

Wo stehen wir? Was hat sich eigentlich in der Politik getan? Schon bei der allerersten Klimakonferenz, die 1995 in Berlin stattgefunden hat, da war Angela Merkel Umweltministerin zu der Zeit, schon da haben wir eine parallele Konferenz gemacht, die hieß „Solidarität im Treibhaus“ und hat sich damit befasst, wie man die Frauen stärken kann in dem Prozess. Es hat lange gedauert, die Klimarahmenkonvention wurde 1992 verabschiedet, das Kyoto-Protokoll dann 1997 und 2001 kam dann so ein ganz vager Vorstoß, mal zu gucken, wie eigentlich Frauen und Männer in den Boards, also in den Gremien, repräsentiert sind. Und so ging es dann langsam weiter, bis heute, und heute ist der UNFCCC Prozess aus der Gender Perspektive der am besten aufgestellte Prozess. Es gibt beispielsweise dieses „Lima Work Programme on Gender“ seit einigen Jahren, es gibt den „Gender Action Plan“, der jetzt bereits in der zweiten Fassung existiert, also in einer zweiten Fortschreibung sollte man vielleicht sagen. Es gibt das Standing Gender Item, was bedeutet, dass egal ob etwas zu Gender gearbeitet wird, Gender immer aufgerufen wird bei den Klimakonferenzen, das heißt, es muss immer darüber berichtet werden: Wo stehen wir, wo müssen wir noch hin? Und das finde ich persönlich einen ganz wichtigen Punkt, da sind wir viel weitergekommen, aber es hat eben, wie gesagt, 25, 30 Jahre gedauert, bis wir da sind, wo wir jetzt sind.

Auf der europäischen Ebene kam im Sommer eine Studie vom European Environmental Bureau raus, auch zusammen mit WCF, wir waren auch daran beteiligt, mit dem Titel „A Gender Transformative European Green Deal“, also die haben sich den Green Deal und seine Maßnahmen und Programme angeguckt aus der Gender Perspektive. Da muss man nicht lange darüber reden, da muss man auch nicht drum herum reden, das zeigt einfach, wie wenig auf europäischer Ebene in der Klima- und Umweltpolitik bisher umgesetzt wurde, da ist zwar immer viel an Papier vorhanden, aber umgesetzt wurde wenig.

Auf der nationalen Ebene sieht es ein bisschen besser aus. Ich muss die Vorgänger-Regierung loben, denn die Bundesministerin Svenja Schulze der SPD hat sich sehr eingesetzt für das Gender Thema. Sie hat das Forschungsprojekt Gender-Klima, was ich vorhin schon erwähnt habe, stark mit unterstützt. Sie hat uns dazu eingeladen, Schulungen auf der Leitungsebene zu machen, wie man Gender Impact Assessments umsetzt, dazu wurde die Leitungsebene auch mehr oder weniger gezwungen. Sie hat ein Referat eingerichtet, was da heißt Gender Aspekte der Umweltpolitik und seit Sommer gibt es eine interne Gender-Strategie, wie das umgesetzt werden soll. Mit der sind wir zwar nicht glücklich, wir kennen sie nicht wirklich. Aber mir war es einfach wichtig zu sagen, es ist viel gelaufen da.

Es ist jetzt natürlich die ganz große Frage, wenn mit der neuen Ampel-Regierung Klima auf drei Ministerien aufgeteilt ist, also Wirtschaft und Klima in dem Ministerium von Robert Habeck, Internationale Klimapolitik bei Annalena Baerbock, die Anpassung bleibt beim BMU, was das dann bedeutet für unsere erreichten Fortschritte bei der bei der Integration der Gender Perspektive. Da sehe ich dann doch etwas schwarz, um ganz ehrlich zu sein. Aber wir werden natürlich daran arbeiten und ich hoffe, dass natürlich auch alle, die hier sind, mit daran arbeiten, dass das auch übernommen wird. Deshalb mein abschließender Satz nochmal zur Ausgangsfrage: „Setzen sich Frauen für soziale und geschlechtergerechte Klimapolitik ein?“ Würde ich sagen: Ja, tendenziell stärker als Männer. Das gilt aber nicht für alle Frauen. Mehr Frauen bedeutet also zumindest immer auch eine größere Chance auf gendergerechte Klimapolitik. Dankeschön!

Zwischenfrage:

Ich würde da gerne nochmal nachfragen, was die aktuelle Situation angeht, und zwar jetzt auch im Hinblick auf die Weltklimakonferenz in Glasgow. Da gab es verschiedene Stimmen von Menschen, vor allem aus dem globalen Süden, die gesagt haben: Inwieweit sind wir denn da überhaupt repräsentiert oder nicht repräsentiert? Es ist ja auch immer so, wer spricht und wer wird auch gehört? Es wurde jetzt gesagt, die Frauen sind da immer auf dem Schirm. Ich würde von Ihnen gerne eine kurze Einschätzung haben: Wie schätzen Sie das ein? Das Ergebnis jetzt aus dieser Perspektive heraus, von der Weltklimakonferenz.

Ulrike Röhr:

Also ich finde Glasgow ist ein schlechtes Beispiel, denn Glasgow hat zwei Aspekte, die da eine Rolle gespielt haben. Zum einen, dass Boris Johnson sich präsentieren wollte als jemand, der die größte Klimakonferenz aller Zeiten auf die Beine stellen kann, mit 40.000 Teilnehmer:innen. Das ist so ziemlich das Absurdeste, denn als ich angefangen habe, bei den Klimakonferenzen zu arbeiten, das waren 5000, die da teilgenommen haben. Das ist dann im Laufe der Zeit immer größer geworden. Und für mich ist immer die Frage: Hilft viel viel? Das ist jetzt aber nur ein Teil der Frage. Und in Glasgow hat auch die Pandemie eine riesengroße Rolle gespielt, es war ein großer Aufwand. Zum Beispiel weil die Menschen aus dem globalen Süden zum größten Teil noch nicht geimpft sind, war es schwierig für sie zu reisen. Es ging immer hin und her, es war bis zum letzten Moment unklar, ob sie erstmal 14 Tage in Quarantäne müssen in ein Hotel, was sie dann selbst zahlen müssen? Ich will da jetzt nicht in die Tiefe gehen. Das hat wirklich eine Absurdität angenommen, die man sich kaum vorstellen kann.

Grundsätzlich stimme ich aber völlig zu und das ist etwas Wichtiges, was wir haben, also die Women und Gender Constituency, die Vertretung der Frauen und Gender Organisationen, im UNFCCC-Prozess. Da sind Organisationen und vor allen Dingen Netzwerke aus allen Teilen der Welt darin und wir achten immer darauf, dass möglichst die Frauen aus dem globalen Süden die Reden halten, dass sie gehört werden, dass sie auf allen Podien vertreten sind. Das sind natürlich auch die entsprechenden Forderungen. Es gibt inzwischen viele Länder, die unterstützen und fördern, auch finanziell fördern, dass Frauen aus den sogenannten Entwicklungsländern, also aus dem globalen Süden, in den nationalen Delegationen vertreten sind. Es gibt da viele Anstrengungen, was jetzt immer noch nicht heißt, dass das ausgewogen ist. Und wenn ich mir dann gerade die Verhandlungen anschaue, ich denke auf der NGO Seite, da ist es wirklich so, dass wir alle ganz viel über Klimagerechtigkeit und gleichberechtigte Teilhabe aller Menschen wie PoC, auch Transgender, und so weiter, reden und auch dafür sorgen, dass diese in unseren Delegationen vertreten sind. Aber auf die Länder haben wir nun mal leider relativ wenig Einfluss und da ist es natürlich so verquer, dass im UN-System ein Land eine Stimme hat, aber wer viel Geld hat, dessen Stimme ist dann doch noch ein bisschen lauter als die der Länder, die weniger Geld haben, wie man sich vielleicht denken kann.