Einführungsfolge: Warum die Querdenkenbewegung?

Podcast

Sabine Demsar – Bildungsreferentin bei der Heinrich Böll Stiftung in Baden-Württemberg – und Carmen Romano – Bildungsreferentin der Petra-Kelly-Stiftung in Bayern sprechen über ihre persönlichen und beruflichen Gründe, sich mit der Querdenkenbewegung auseinanderzusetzen, sodass dieser Podcast überhaupt entstehen konnte. Du erfährst auch, mit wem die beiden in den nächsten Wochen sprechen werden. Viel Freude beim Zuhören!

 

Shownotes

Ein Spaziergang im Süden. Ein Podcast der Heinrich Böll Stiftung Baden-Württemberg (www.boell-bw.de) und der Petra-Kelly-Stiftung (www.petrakellystiftung.de)

Die Heinrich Böll Stiftung und die Petra-Kelly-Stiftung sind die grünen-nahen Stiftungen der politischen Bildung in Baden-Württemberg und Bayern. Um mehr über unsere Arbeit zu erfahren, folg´ uns über Facebook, Twitter und Instagram oder besuch´ unsere Webseite unter www.boell-bw.de und www.petra-kelly-stiftung.de.

 Transcript

Sabine Demsar: Du hörst die erste Folge von Ein Spaziergang im Süden, ein Podcast der Heinrich Böll Stiftung Baden-Württemberg und der Petra-Kelly-Stiftung über die Querdenker-Bewegungen in Süddeutschland, ihre Entwicklungen und was es für uns alle bedeutet.

Carmen, warum beschäftigst du dich mit den Themen Querdenken, der Corona-Pandemie? Was verbindest du persönlich damit? Oder auch beruflich?

Carmen Romano: Ja, die Frage ist schwierig. Vielleicht wird sich der eine oder andere denken: „das ist keine gute Motivation“ [lacht]. Nein, Quatsch. Aber ich erzähle einfach von meiner persönlichen Erfahrung. Denn natürlich haben wir uns in der Stiftung mit dem Thema beschäftigt. Aber das hatte eigentlich eher meine Kollegin Bianca gemacht, als ich während meiner Elternzeit weg war. Und genau während meiner Elternzeit habe ich aber auch die erste Verbindung zu diesem Thema. Ich kann mich noch erinnern, als meine Tochter nur ein oder zwei Monate alt war und dabei der Mittagsschlaf, auch für die Eltern, ganz wichtig war, um den Alltag zu überleben. Und jeden Samstag, um 14:00 Uhr oder so, als sie eigentlich geschlafen hat und wir auch schlafen wollten, da haben auf der Straße direkt gegenüber von unserer Wohnung die Leute angefangen, irgendwelche Parolen zu schreien und mit den Autos zu hupen und da konnte man überhaupt nicht schlafen. Und das hat mich so genervt, weil ich mir gedacht habe: ihr achtet schon nicht auf die Gesundheit der anderen, denkt nur an euch und stört dazu noch meine Schlafenszeit, die einem als neu gebackene Eltern heilig ist. Naja, sagen wir mal, das war die erste Impulsreaktion gegenüber der Bewegung.

Aber was mich erschrocken hat und wo mir bewusst wurde, dass man sich ernsthaft mit dem Thema auseinandersetzen muss, auf die Hintergründe schauen muss und die Leute ohne diesen abwertenden Blick betrachten sollte, ist diese tiefe, große Spaltung in der Gesellschaft, die macht mir am meisten Angst macht, muss ich sagen. Die wird uns meiner Meinung nach leider weiterhin lange begleiten. Da war zum Beispiel eine Auseinandersetzung auf Facebook mit einem guten Freund, mit dem ich schon Projekte gemacht habe. Er wohnt in Italien, in Turin, und ich kenne ihn als eine sehr engagierte Person, die eher, sagen wir mal, progressiv wählte. Er hat Projekte für wohnungslose Menschen gemacht, für Geflüchtete, für die Integration. Also eine Person, von der man nicht erwarten würde, dass sie mit Rechten auf der Straße marschiert. Und er hat einen krassen Post geschrieben, so etwas wiedie Impf-Verweigerung ist gleichzustellen mit den Leuten, die in Lettland oder Estland und Litauen nach dem Mauerfall gegen die ehemalige UdSSR für ihre Freiheit gekämpft haben.

Und ich als Politikwissenschaftlerin und Person, die eine Leidenschaft für Geschichte hat, habe mir gedacht: Moment, jetzt muss ich etwas sagen. Und wir sind dann in ein langes Gespräch eingestiegen, in dem ich ihn einfach offen gefragt habe, nach dem Warum und Weshalb und allem Möglichen. Und ich habe ihm gesagt: Verstehst du nicht, dass sich zu impfen für die anderen eigentlich aus derselben Motivation entsteht, den anderen zu helfen und sie zu schützen, genauso wie bei der Flüchtlingsfrage? Und darauf hat er gar nicht reagiert und hat einfach weiterhin seine Argumentationen verstärkt, mir Links geschickt zu Ärzten, die abgedriftet sind und ihre eigenen Verschwörungstheorien und Argumentationen gegen die Impfung erzählt haben, auf Facebook natürlich, über irgendwelche Videos.

Sabine Demsar: Ja, das macht es ja leicht.

Carmen Romano: Ja, denn das sind natürlich weiterhin autoritative, glaubwürdige Quellen, wenn es von einem Arzt kommt. Und da dachte ich mir: Mist, wir verlieren viele Menschen auf dem Weg. Auch, weil die ganze Impfkampagne nicht gut kommuniziert wurde, also es wurde von den Institutionen nicht gut darüber kommuniziert. Ich spreche auch als Italienerin. Es wird eher als eine Wahl, als eine persönliche Entscheidung kommuniziert, nicht als eine gesundheitliche Maßnahme, die eigentlich alle betrifft.

Sabine Demsar: Und eine solidarische Maßnahme, letztlich auch.

Carmen Romano: Genau, eine Solidaritätsfrage. Und ich glaube, da wurde so viel falsch kommuniziert und das hat uns auf den Weg hierher gebracht. Und deswegen dachte ich mir: ja, das ist ein gutes Thema für eine Podcast-Reihe mit dir.

 

Sabine Demsar:  Ja, absolut.

Carmen Romano: Und warum genau mit dir? Möchtest du uns vielleicht erzählen, was sind denn deine Motivationen, dich mit dem Thema auseinanderzusetzen?

Sabine Demsar: Ja, vieles überschneidet sich sicherlich mit dem, was du schon gesagt hast. Hier in Baden-Württemberg ist die Querdenken-Bewegung sehr groß, sehr präsent. Die Geschäftsstelle der Heinrich Böll Stiftung ist in Stuttgart, auch ein Hotspot der Querdenken-Bewegung, sodass ich gar nicht drum herum kam, sozusagen, das wahrzunehmen, auf der beruflichen Seite. Wir haben uns ja auch hier in Baden-Württemberg mit einer Studie beschäftigt bzw. eine Studie in Auftrag gegeben, die Quellen des Querdenkertums in Baden-Württemberg. Das hat uns lange begleitet, diese Studie, und dann auch, uns damit auseinanderzusetzen. Wir haben auch immer wieder Veranstaltungen, zum Beispiel eine Lesereise, „Fehlender Mindestabstand mit Matthias Meisner und Dietrich Krauß, den wir ja auch in unserem Podcast haben werden, wo es immer wieder um dieses Thema geht, eben auch die Spaltung, die du genannt hast. Wie kann man auch diese Menschen erreichen, wie können wir wieder ins Gespräch kommen? Da sprechen wir auch mit Sarah Pohl darüber.

Und rein persönlich geht es mir da so ein bisschen wie dir. Ich habe Freunde und Bekannte, die plötzlich irgendwie abgedriftet sind, die mir dann auch gesagt haben: ich lasse mich nicht impfen, weil das alles nur erfunden ist, es ist eine große Verschwörung zugange und die Corona-Pandemie gibt es nicht, Corona ist gar nicht so gefährlich. Da hatte ich viele Diskussionen und auch mit Menschen, so wie du erzählt hast von deinem Freund, die engagiert sind, die Dinge eigentlich hinterfragen. Und in dem Moment haben sie natürlich gesagt: wir hinterfragen das ja hier, ich hinterfrage das und deswegen mache ich das nicht, weil sozusagen, wir sind die anderen, die, die das jetzt alles machen, das sind nur die Schafe, die dem folgen, was, was die Regierung jetzt vorgibt. Das hat mich schon sehr schockiert und ich bin da sehr an meine Grenzen gekommen, auch mit den Freunden zu sprechen und ich wusste nicht, wie ich damit umgehe. Der erste Impuls war tatsächlich, den Kontakt zu reduzieren bzw. sogar abzubrechen, weil es keine wirkliche Diskussion mehr gab. Es war keine Diskussion mehr möglich, also Unverständnis auf beiden Seiten. Und ja, wie du auch gesagt hast, da würde ich gerne ein bisschen tiefer einsteigen, um zu verstehen, was dahinter liegt und auch um zu schauen, was ich ändern kann, um mit Mitmenschen auch wieder ins Gespräch zu kommen.

Carmen Romano: Ich habe gerade bemerkt, ich habe mich am Anfang gar nicht vorgestellt, für die Leute, die uns noch nicht kennen. Genau. Ich bin Carmen Romano und ich bin Bildungsreferentin der Petra-Kelly-Stiftung in München. Ich habe von einem italienischen Freund geredet, mit dem ich mich im Internet auf Social Media unterhalten habe, weil ich ursprünglich aus Italien komme. Aber ich wohne in München. Ich arbeite für, sagen wir mal, die Heinrich Böll Stiftung in Bayern, auch wenn wir anders heißen, und beschäftige mich eben auch mit politischer Bildung, mit Veranstaltungen, digitalen Formate wie eben diesem Podcast. Und ich glaube, es ist einfach wichtig zu betonen, dass das Problem, das es hier in Deutschland gibt, nicht nur ein deutsches Problem ist, sondern es ist wirklich weltweit wahrscheinlich, europaweit auf jeden Fall. Und jedes Land hat dabei unterschiedliche Merkmale, die möchten wir auch in diesem Podcast untersuchen. Das tun wir mit der Unterstützung von vielen Expert:innen, Journalist:innen und Aktivist:innen, die uns einiges erzählen werden.

Möchten wir diese tollen Personen vielleicht erwähnen, damit unsere Zuhörer:innen schon einen Einblick in unser Programm bekommen? 

Wir werden übrigens, abgesehen von nächster Woche, da veröffentlichen wir die ersten beiden Interviews gleichzeitig, aber danach werden wir einmal in der Woche eine neue Folge veröffentlichen, bis circa Mitte Dezember. Da haben wir dann quasi unsere Diskussionsrunde abgeschlossen. Genau. Also nächste Woche werden wir sowohl von Katharina Nocun hören, die uns die Gründe der Radikalisierung dieser Bewegung erklären wird, die ein bisschen schildern wird, wer mitläuft bei diesen Demos und wie man so schnell in diese Verschwörungsmythen reinrutschen kann. Und von Nadine Frei, die uns eher den Aspekt der Involvierung von Rechtsextremen in der Bewegung erläutern wird, weil, wie jeder weiß, da marschieren auf jeden Fall auch Rechtsextreme mit.

Sabine Demsar: Nadine Frei ist zum Beispiel auch eine der Autorinnen der Studie, die ich vorhin erwähnt habe, über die Quellen des Querdenkertums“.

Carmen Romano: Die wir auch gerne in den Shownotes dieser Episode verlinken können. Die Woche danach werden wir mit Dietrich Krauß, den hast du schon erwähnt, über das Esoteriker-Milieu reden. Das ist vielleicht einer der Aspekte, der die Bewegung in Süddeutschland, also Bayern und Baden-Württemberg, ein bisschen besonders macht, einer der Gründe, warum es hier bei uns etwas stärker wahrzunehmen ist als in anderen Ländern Westdeutschlands. Denn natürlich muss man leider auch weiterhin einen Unterschied machen zwischen West- und Ostdeutschland, zu dem Thema werden wir mit Michael Nacke vom Kulturbüro Sachsen reden, eben die Unterschiede zwischen den Bewegungen im Süden und Osten. Danach sprechen wir mit Jonas Müller, einem Journalisten des Bayerischen Rundfunks, über die Unterschiede zwischen Stadt und Land, also wo die Bewegung am meisten verankert ist.

Sabine Demsar: Danach sprechen wir mit dem Journalisten Andreas Speit über mangelndes Vertrauen in den Staat und in die Institutionen. Ja, und dann haben wir natürlich auch festgestellt, dass mit der Corona-Pandemie die Querdenken-Bewegung nicht stoppen wird. Also wir sind immer noch in der Pandemie, aber es ist nicht mehr so sehr im Fokus. Wir wollen dabei noch zwei Aspekte mit aufgreifen, nämlich einmal Schulen und Kinder. Darüber sprechen wir mit einem Mitarbeiter der Fachinformationsstelle Rechtsextremismus in München. Der zweite Fokus wird darauf abzielen, über Russland und den Ukraine-Krieg zu sprechen, und zwar mit Natascha Strobl, weil wir davon überzeugt sind, dass sich die Querdenken-Bewegung neue Themen sucht bzw. es auch derzeit schon tut, dass neue Themen in den Fokus kommen. Nachdem wir mit Natascha Strobl gesprochen haben werden, freuen wir uns auf Michael Blume, mit dem wir über Gegenstrategien vonseiten der Politik und der Institutionen sprechen werden. Und die letzte Folge schließen wir ab mit Sarah Pohl, sie ist Leiterin der Beratungsstelle Zebra in Freiburg, wo es um die Beratung zu verschiedenen Weltanschauungsfragen geht. Und wir sprechen mit ihr darüber, was ist, wenn ein Querdenker oder eine Querdenkerin in meiner Familie ist.

Carmen Romano: Genau, die Folge haben wir auch schon aufgenommen und das war so dermaßen hilfreich, also auch direkt einmal eine Einladung an alle, uns bis zur letzten Folge zu hören. Denn dabei geht es wirklich um konkrete Tipps, wie ihr den Leuten in eurem familiären Umfeld oder im Freundeskreis helfen könnt, wieder aus der Sache herauszukommen oder einfach überhaupt wieder ins Gespräch zu kommen.

Das war es für diese erste Folge. Wir hoffen, dass wir euch mit dieser Einführungsfolge neugierig auf unsere Reihe „Ein Spaziergang im Süden machen konnten. Nächste Woche, wie schon gesagt, werden wir gleich zwei Folgen veröffentlichen. In der zweiten geht es mit Katharina Nocun darüber, wer überhaupt bei den Demos mitläuft und wie man in solche Verschwörungsmythen reinrutschen kann. Und in der dritten Folge reden wir mit Nadine Frei über die Präsenz Rechtsextremer in der Querdenker-Bewegung.

Sabine Demsar: Abonniere unseren Podcast unter Petra-Kelly-Stiftung in der Podcast-App deiner Wahl, um neue Projekte wie dieses zu hören. Wir sind Sabine Demsar und

Carmen Romano: Carmen Romano

Sabine Demsar: und sagen Tschüss und bis zum nächsten Mal!

Carmen Romano: Ciao Ciao!


Dieser Artikel erschien zuerst hier: www.petrakellystiftung.de