Zwangsarbeit im 21. Jahrhundert | Was ist Schuldknechtschaft?

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Arbeiter*innen in blauer Arbeitskleidung

Anhören auf SoundCloud |  Was ist Schuldknechtschaft? - Ein Bauernpaar aus Indien

Baumwollfeld

Auf einer Indienreise hatten wir eine Begegnung mit einem Bauernpaar. Die beiden waren Pächter und hatten ein Stück Baumwollfeld von einem Landbesitzer gepachtet. In dessen Auftrag bauten sie dort Baumwolle an. Damit sie während der Baumwollsaison leben konnten, hat der Pächter den beiden Geld vorgeschossen, sie waren ihm gegenüber also verschuldet. Die Abmachung war, dass das Paar am Ende 1/7 der Ernte behalten kann. Diese wollten sie verkaufen und die Schulden abbezahlen und von dem Rest bis zur nächsten Saison leben. Leider hat das nicht geklappt, weil der Landbesitzer ihnen viel weniger Geld für dieses 1/7 der Ernte gegeben hat, als sie erwartet hatten. Das führte dann dazu, dass sie ihr ganzes Geld dem Landbesitzer zurückgeben mussten und dadurch immer noch bei ihm verschuldet waren. Daher konnten sie das Land nicht verlassen und mussten dort bleiben.

Wo liegt eigentlich das Problem? Wie landen Menschen in Schuldknechtschaft?

Wie kann es sein, dass der Pächter dem Bauernpaar einen niedrigeren Preis gezahlt hat, als im Vorhinein festgelegt war?

Häufig werden solche Abmachungen nicht schriftlich festgehalten, so dass sich die Landwirt*innen nicht gegen einen veränderten Preis wehren können. Dazu kommt, dass häufig Landwirt*innen von kleinen Betrieben den Weltmarktpreis nicht kennen und somit nicht wissen, dass sie ihre Baumwolle unterhalb des dieses Preises verkaufen.

Und warum wehrt sich das Bauernpaar denn nicht gegen das unfaire Verhalten des Pächters?

Es kann gut sein, dass das Bauernpaar zu dem Zeitpunkt und an dem Ort keinen anderen Käufer findet. Vielleicht hat das Bauernpaar auch nicht die Mittel (etwa kein Fahrzeug), um die Baumwolle an einen anderen Ort zu transportieren. So ist es davon abhängig, dass der Pächter die Baumwolle kauft.

Wer landet in der Schuldknechtschaft? 

Häufig landen Menschen aus vulnerablen Gruppen, wie unter anderem Arbeitsmigrant*innen, die für die Arbeit in ein neues Land kommen und dort auf finanzielle Mittel angewiesen sind, in Schuldknechtschaft.

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Wie hängt das mit globalen Lieferketten zusammen? 

Also gibt es auch Verbindungen zu globalen Lieferketten außerhalb der Landwirtschaft? Ja, die gibt es. Aber auch die Landwirtschaft hat hier Beziehungen zu globalen Lieferketten. Ich hatte vorhin von dem Paar erzählt, das Baumwolle angebaut hat. Diese Baumwolle landet sehr wahrscheinlich auch in globalen Lieferketten, weil Indien ja eins der wichtigsten Baumwollproduzierenden und auch exportierenden Länder der Welt ist. Aber wir dürfen uns eben Schuldknechtschaft nicht nur als ein landwirtschaftliches Phänomen vorstellen, sondern es hat eben auch mit modernen industriellen Arbeitsverhältnissen zu tun. Immer dann, wenn Arbeitsmigration ins Spiel kommt, kann das Risiko von Schuldknechtschaft existieren.

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Arbeitsmigration und damit verbundene Risiken

Ein Großteil der Schuldknechtschaft findet in der Landwirtschaft statt. Aber es gibt auch Schuldknechtschaft im produzierenden Gewerbe, häufig mit Arbeitsmigration verknüpft: So arbeiten zum Beispiel in malaysischen Einweghandschuhfabriken besonders viele Arbeiter*innen aus Bangladesch und Nepal.

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Arbeiter*innen in blauer Arbeitskleidung

Definition Schuldknechtschaft

  • Wenn eine Person gezwungen wird, für eine*n Arbeitgeber*in zu arbeiten, um ihre eigenen oder geerbten Schulden zu bezahlen.
  • Wenn der Lohn nicht reicht, um die Schulden zu begleichen oder die Dauer des Schuldendienstes zu verringern
  • Wenn die Dauer und Art der Arbeit nicht begrenzt und nicht definiert ist

Wenn die Betroffenen daran gehindert werden, ihren Arbeitsplatz zu verlassen bzw. mit Gewalt zurückgebracht werden.

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Mehr Infos im Factsheet zu Schuldknechtschaft und im Abschnitt Definitionen Zwangsarbeit.