Von bösen Chinesen und unschuldigen Rehen
. Rechtspopulismus und Fake News in Japan

Dossier

Lange Zeit galt das Parteiensystem Japans als weitgehend immun gegen Rechtspopulismus – trotz einer regen rechtsextremen Online-Community. Das hat sich mit dem Aufstieg Sanae Takaichis zur Premierministerin geändert.

Schwarz-Weiß-Fotografie eines jungen Rehs, das auf einem gefliesten Bürgersteig vor einem Coca-Cola-Getränkeautomaten steht. Im Hintergrund ein Souvenirladen mit japanischsprachigen Schildern.

Der Wahltag am 8. Februar 2026 brachte ein historisches Novum in Japan: Erstmals in der Geschichte des Landes wurde über eine Frau im Amt der Premierministerin abgestimmt, die seit Oktober 2025 amtierende Sanae Takaichi. Sie konnte die Wähler*innen klar von sich überzeugen. Dabei erzielte Takaichi das beste Wahlergebnis, das ihre Partei jemals bei Parlamentswahlen erreicht hat: eine absolute Mehrheit für die Liberaldemokratische Partei (LDP). Historisch war die Wahl aber auch, weil im Wahlkampf klar wurde, dass auch Japan sich nun dem besorgniserregenden globalen Trend in Richtung eines nationalistischen Populismus angeschlossen hat.

Seit ihrem Amtsantritt vor knapp einem halben Jahr war eine regelrechte ‚Takaichi-Manie‘ ausgebrochen, was die LDP-Parteivorsitzende dazu bewegt hatte, kurzentschlossen Neuwahlen anzusetzen. Ihr Kalkül ging auf: Mit einem Stimmanteil von 36,7 Prozent in der Verhältniswahl und 49,1 Prozent bei den Erststimmen kam die LDP auf eindrucksvolle 316 von 465 Sitzen im Unterhaus. Ihr bisheriger kleiner Koalitionspartner, die vor allem in Westjapan starke Erneuerungspartei, kam auf immerhin 36 Sitze.

»Japan First«

In der jüngeren Vergangenheit hatten die Debatten über die japanische Politik immer wieder hervorgehoben, dass in Japan ein Populismus à la AfD, Trump oder Orbán nicht Fuß fassen konnte – bisher. Die jüngsten Entwicklungen zeigen jedoch einen Umschwung. Verantwortlich dafür war zunächst eine Partei rechts der LDP, die offen rechtspopulistische Sanseitō (wörtlich: Partei der politischen Teilnahme; offizieller englischer Name: The Party of Do It Yourself). Ihr Slogan: »Japan First«. Erst 2020 gegründet, konnte sie insbesondere bei den Wahlen zum Oberhaus im Juli 2025 mit 15 Sitzen einen Achtungserfolg erzielen. Die von der LDP geführte Koalition verlor bei dieser Wahl nicht zuletzt aufgrund der Verluste an die Sanseitō ihre Mehrheit im Oberhaus. Prognosen hatten der Sanseitō daraufhin hervorragende Aussichten bei den Wahlen zum Unterhaus im Februar 2026 bescheinigt. Dies nicht trotz, sondern wegen ihres rechtsextremen Auftretens, das sich durch Fremdenfeindlichkeit, Nativismus und Ressentiments gegen das Establishment auszeichnet. Und es gibt Verbindungen mit Geistesverwandten in Nordamerika und Europa, Steve Bannon und Charlie Kirk etwa. Eine frühere »Japanese Tea Party«, nach US-Vorbild entstanden, war von der Sanseitō absorbiert worden. Nach den jüngsten Wahlen zeigt sich jedoch, dass nicht die Sanseitō, sondern Takaichi im Zentrum des erstarkten japanischen Rechtspopulismus steht. Der Triumph der LDP bei den Februar-Wahlen war auch ein Sieg auf Kosten der Sanseitō. Ihr blieb ein weiterer Aufstieg verwehrt, denn sie kam nicht über enttäuschende sieben Prozent hinaus, was 15 von 465 Unterhaussitzen entspricht.

Die Eiserne Lady

Die Wahlsiegerin Takaichi gilt als ultra-konservativ, selbst für die Standards der konservativen Dauer-Regierungspartei LDP. Seit 1993 im Parlament (seit 1996 für die LDP), gehört sie zu den Abgeordneten, die den ganz rechten Rand der Partei ausmachen. Sie war eine unerschütterliche Unterstützerin des umstrittenen vormaligen Premierministers Shinzō Abe, der im Juli 2022 ermordet wurde. Bevor Takaichi den von ihr selbst als schmeichelhaft empfundenen Beinamen »Japans Eiserne Lady« erhielt, der mittlerweile auch in der internationalen Presse Verbreitung gefunden hat, war sie in ihrer eigenen Partei als »Taliban-Takaichi« bekannt. Angeblich bezeichnete sie selbst ihr Amtsvorgänger so, der Premierminister Kishida Fumio. Verdient hat sie sich diesen zweifelhaften Spitznamen aufgrund ihrer schwer verdaulichen Hardliner-Positionen, insbesondere hinsichtlich Nationalismus und Anti-Feminismus. Als Wortführerin befeuert sie einen anti-chinesischen Diskurs und wettert gegen Migrant*innen. Eine wie auch immer geartete Schuld Japans am Zweiten Weltkrieg in Asien leugnet sie seit Jahrzehnten vehement. Darüber hinaus profiliert sie sich durch ihre strikte Ablehnung des Vorhabens, dass Frauen auch nach einer Heirat ihren alten Nachnamen behalten können. In Japan ist das noch immer nicht möglich und aktuell ein politisch heiß umkämpftes Thema. Auch gegen eine mögliche weibliche Nachfolge auf dem Thron des Tennos hat sie sich eindeutig positioniert.

Bis vor Kurzem waren es eben diese radikalen Positionen, die sie von Führungspositionen in der insgesamt eher auf Stabilität und Kontinuität bedachten LDP (und damit auch in der Regierung) ferngehalten hatten. Doch es gelang ihr, eine treue Basis unter der extremen Rechten in Japan aufzubauen.

Japan hat eine rechtsextreme Online-Community, die für ihre toxischen Positionen, etwa in Genderfragen, bekannt ist.

So war das berüchtigte anonyme Internetforum 2channel, Vorbild für das englischsprachige 4chan, schon in den frühen 2000er-Jahren eine Spielwiese für Rechtsradikale. Als netto uyoku (Netz-Rechtsextreme) sind diese seitdem bekannt – und sie werden immer sichtbarer. Als ausgesprochene Unterstützer*innen des nationalistischen Premierministers Abe waren sie enttäuscht von seinen moderaten Nachfolgern aus Reihen der LDP. Eine wichtige Rolle für die Radikalisierung des politischen Klimas in Japan in der jüngsten Vergangenheit spielt auch die anhaltende schlechte wirtschaftliche Lage sowie der an manchen Orten extreme Übertourismus.

Wahlkampf mit Desinformationen

Die Klientel der netto uyoku spielte eine bedeutende Rolle sowohl beim Aufstieg der Sanseitō als auch bei der Wahl von Takaichi zur LDP-Parteivorsitzenden. Sie hofierte bei ihren Bemühungen um den Parteivorsitz die ultranationalistische Online-Basis direkt. Berüchtigt wurde ihre Übernahme einer erwiesenermaßen falschen Geschichte des ultranationalistischen YouTubers Hezumaryu. Dieser hatte behauptet, chinesische Tourist*innen hätten im allseits beliebten Nara-Park Rehe angegriffen. Nara, die älteste Hauptstadt der japanischen Geschichte, ist eine der beliebtesten touristischen Destinationen in Japan. Besucher*innen können dort zahme Rehe füttern. Die Tiere gehören vermutlich zu den meistfotografierten Reisemotiven. Zufällig ist die Präfektur Nara auch Takaichis Wahlkreis, die Geschichte war für sie ein Volltreffer.

In den vergangenen zwei Jahren gab es in Japan einen Anstieg politischer Online-Videos, darunter auch Desinformationen und durch KI veränderte Inhalte. Die Tageszeitung Asahi Shinbun konnte im letzten Wahlkampf eine ganze Reihe von politischen Informationen, die online zirkulierten, als klar falsch identifizieren. Dazu gehören auch die von der Partei Sanseitō online verbreiteten Lügen, 98 Prozent aller in schwedischen Gefängnissen Inhaftierten seien Migrant*innen, oder Japan sei das einzige Land, in dem behauptet werde, der Klimawandel sei verursacht durch den erhöhten Ausstoß von Kohlendioxid.

Eine Umfrage durch die Webseite senkyo.com für politische Information ergab, dass über 80 Prozent solcher Desinformationen nicht von Politiker*innen oder Parteien selbst kommen, sondern in großen Teilen aus anonymen Online-Quellen. Zugleich, so eine Untersuchung des Soziologen Morihiro Ogasahara von der Toyo-Universität, halten fast 80 Prozent der japanischen Medienkonsument*innen diese Art von Informationen für Fakten. Der klare Sieg von Takaichis LDP bei den Wahlen im Februar 2026 hat auch mit ihrer Online-Präsenz zu tun. Sie alleine kommt auf so viel Reichweite wie der Rest ihrer Partei zusammen.

Gegen Populismus immun?

Dennoch kann man über die Bedeutung von Online-Medien in Japan streiten. Die Daten des Soziologen Ogasahara zeigen nämlich auch, dass lediglich ein Fünftel der japanischen Öffentlichkeit ihre Informationen aus sozialen Medien bezieht. Die traditionellen Informationsquellen dominieren die japanische Medienlandschaft noch deutlich und sind weniger anfällig für Desinformation. Manche Beobachtungen besagen dabei, dass Takaichi seit ihrem Amtsantritt in Sachen Fremdenhass und populistischer Rhetorik Zurückhaltung übt. Zumindest bleibe sie unter dem Niveau von Sanseitō im vorangegangenen Wahlkampf.

Aus diesen Gründen bleibt etwa auch der Politikwissenschaftler Axel Klein von der Universität Duisburg-Essen skeptisch, was das Vordringen des Populismus in Japan betrifft. Ebenso ist der Hinweis sicherlich richtig, dass populistische Rechtsaußenpolitiker*innen in Japan keinen starken ideologischen Kern aufweisen, jedenfalls im Vergleich etwa mit jenen von Fidesz oder der AfD. So ist der von vielen Beobachter*innen konstatierte kulturkämpferische Moment, den Japan derzeit durchlebt, wohl immer noch harmlos im Vergleich zur aktuellen Krise in den westlichen Demokratien.


Der Artikel erschien zuerst beim iz3w. Veröffentlicht im iz3w-Heft 414.
Teil des Dossiers Kulturkampf. Dieses Dossier ist ein Kooperationsprojekt mit dem iz3w.