Rechte Evangelikale aus Europa und den USA verbreiten auf sogenannten African Family Conferences ein konservatives Familienbild, hetzen gegen Menschenrechte – und erzählen das als antikolonial. Die nigerianische NGO The Initiative for Equal Rights (TIERs) warnt schon seit einiger Zeit vor diesem rechten Kulturkampf – und ruft zum Widerstand auf.
Seit etwa sieben Jahren beobachten wir einen bestimmten Typus von Veranstaltungen, bei dem scheinbar ‚authentische‘ afrikanische Werte, Familienstrukturen und Kultur propagiert werden. Sie finden in verschiedenen afrikanischen Ländern statt und werden dort mitunter von hochrangigen Politiker*innen mitveranstaltet. Hinter der auf den ersten Blick durch panafrikanischen Nationalismus geprägten Fassade verbirgt sich eine Ideologie, die Menschenrechten und -würde feindlich gegenübersteht. Auf diesen Zusammenkünften, die unter der Bezeichnung »African Family Conferences«, bzw. »Pan-African Family Values Conferences« laufen, tummeln sich rechte evangelikale Europäer*innen und US-Amerikaner*innen1. Das erklärte Ziel dieser Konferenzen ist der Versuch, vorhandene afrikanische Identitäten und Glaubenssysteme auszulöschen und durch evangelikale religiöse Doktrinen und konservative westliche Ideologien zu ersetzen. Die afrikanische Philosophie des Ubuntu etwa, einer Weltanschauung, die auf Menschlichkeit und Gemeinschaftlichkeit fußt, wollen diese rechten Akteur*innen zurückdrängen und durch ihren religiösen Konservatismus ersetzen, den sie den Afrikaner*innen als ‚authentische‘ afrikanische Werte verkaufen.
Menschenrechte als ‚westlicher Imperialismus‘
TIERs dokumentiert schon seit 2019 diese Konferenzen. In diesem Jahr zog die Pan-African Conference on Family Values in Accra 400 Teilnehmer*innen aus fünfzehn afrikanischen Ländern an. Auf nachfolgende Konferenzen in Kampala (2021) und Nairobi (2025) wirkten die Veranstalter*innen darauf hin, ihren Wirkungsbereich zu vergrößern, indem sie legislative Agenden koordinierten, Kommunikationsstrategien austauschten und Ressourcen über nationale Grenzen hinweg verteilten. In Ghana etwa, wo Ende Mai 2026 wieder eine Konferenz geplant ist, wird es darum gehen, eine Anti-LGBTIQ+ Gesetzesvorlage zu pushen.
In der sich antikolonial gebenden Rhetorik der Veranstalter*innen dieser Konferenzen gelten Menschenrechte als westlicher Imperialismus.
Gelebte alternative Sozialstrukturen, etwa Familienstrukturen, die vom Vorbild der heteronormativen Kernfamilie abweichen, werden als Abweichung von der Norm gebrandmarkt.
Als Antidot zu dieser Bewegung rief TIERs das Projekt PARA (Pushback against Anti-Rights Agenda) ins Leben. Das Akronym ist ein Wortspiel mit dem nigerianischen Pidgin-Begriff »para«, das so viel bedeutet wie »wütend sein, Widerstand leisten, ärgern«.
Das PARA-Programm arbeitet zweigleisig, in der Forschung und im Diskurs. Der Forschungsaspekt untersucht die menschenrechtsfeindlichen Narrative der Veranstalter*innen und arbeitet evidenzbasiert zu afrikanischer Geschichte und Kultur. Um die Änderung des Narrativs ging es bei der Our African Family, Culture and Values Conference im September 2025, einer Veranstaltung, die rechten African Family Conferences direkt entgegenwirken will, indem sie den Diskurs über afrikanische Kulturgeschichte zurückerobert. Sie war die erste Veranstaltung dieser Art auf dem Kontinent. Sie wollte deutlich machen, dass die zentrale These der menschenrechtsfeindlichen Veranstalter*innen der Konferenzen reine Propaganda sei: Die Behauptung, geschlechtliche und sexuelle Vielfalt, körperliche Selbstbestimmung und Familienstrukturen abseits der Kernfamilie stünden im Widerspruch mit authentischen afrikanischen Werten, entbehrt jeder Grundlage.
Diskurse zurückerobern
Alle queerfeindlichen und Queers diskriminierenden Gesetze, welche die rechten Akteur*innen verteidigen, wurden von britischen Kolonialbehörden in afrikanischen Rechtssystemen eingesetzt, um damit viktorianische Moralvorstellungen durchzusetzen.
Vorkoloniale afrikanische Gesellschaften zeigten oft weitaus mehr Flexibilität in Bezug auf Geschlecht, Sexualität und Familie als die mythische Vergangenheit, die von den rechten Akteur*innen konstruiert wird.
Es gibt dafür viele Belege. In den Gesellschaften der Igbo und Yoruba (auf dem Gebiet des heutigen Nigeria) und der Nandi (heutiges Kenia) und Nuer (Südsudan und Äthiopien) etwa gab es Ehen zwischen Frauen. In zahlreichen Gesellschaften gab es genderdiverse spirituelle Anführer*innen, die angesehene Positionen bekleideten. Anbeter*innen der Yoruba-Gottheit Songo etwa, unter denen auch Männer sich feminin kleideten und weibliche Haartrachten trugen. Es gibt aus dieser Zeit auch Begriffe für diverse Geschlechtsidentitäten, die in den heute gesprochenen afrikanischen Sprachen noch Verwendung finden. Familienstrukturen sind in afrikanischen Gesellschaften weitläufig: Es gibt gemeinschaftliche Kindererziehung, polygame Lebensformen und ausgedehnte Verwandtschaftsnetzwerke – Formen also weitab des als ‚traditionell‘ propagierten Kernfamilienmodells. Bis zu einem Verbot 1968 gab es bei den Irigwe in Nordnigeria etwa polyandrische Ehen, bei denen eine Frau mehrere Ehemänner haben konnte. Bei den Igbo und Ijaw gibt es bis heute gleichgeschlechtliche Ehen, insbesondere unter Frauen. Laut Referent*innen unserer Konferenz entsprechen beispielsweise nur 30 Prozent der nigerianischen Haushalte dem Kernfamilienmodell. In traditionellen afrikanischen Verwandtschaftssystemen gab es immer Gemeinschaftsmitglieder, die keine biologische Verbindung haben und dennoch als Familienmitglieder gesehen wurden. Das Idealbild der Kernfamilie wurde kolonial auferlegt. Die gelebten Realitäten der meisten Afrikaner*innen sahen und sehen anders aus.
Versuch erneuter Kolonisierung
Auf unserer Konferenz dokumentierte der Anthropologe Daniel Yaw Fiaveh die Geschlechterfluidität in ghanaischen Traditionen, und Ayodele Olofintuade analysierte die Verwandtschaftssysteme der Yoruba, die sich den Idealisierungen der Kernfamilie widersetzen. Die Medienproduktionen von TIERs, darunter »Decolonising Our Identities« und »Where Women Marry Wives«, machen diese historischen Fakten auch einem Publikum außerhalb der akademischen Welt zugänglich. TIERs sieht solche Arbeiten als Beitrag zu einer tatsächlichen Dekolonisierung – eine Praxis, die den antikolonialen Duktus der African Family Conferences als Lüge entlarvt und zeigt, was wirklich hinter diesen steckt: der Versuch einer erneuten Kolonialisierung.
Das weckt natürlich Erinnerungen. Afrika wurde schon einmal überfallen. Es wurde seiner Identität beraubt, seine Geschichte wurde umgeschrieben, seine Bevölkerung gespalten und erobert. Doch Afrika hat sich dagegen gewehrt. Das muss nun wieder geschehen. Dieser Moment erfordert dieselbe Widerstandsfähigkeit, dieselbe Weigerung, dasselbe Beharren auf der vollen Menschlichkeit und Würde aller Afrikaner*innen.
Transatlantische Rechte
Das Personal der African Family Conferences liest sich wie ein illustrer Querschnitt durch die afrikanische, europäische und US-amerikanische religiöse Rechte. So sprachen auf der »Interparliamentary Conference on Family and Sovereignity« im Mai 2025 in Entebbe, Uganda neben Präsident Yoweri Museveni und First Lady Janet Kataaha Museveni auch Parlamentssprecherin Anita Among sowie der Niederländer Henk Jan van Schothorst, Gründer der evangelikalen Lobbyorganisation Christian Council International, und Sharon Slater, Gründerin von Family Watch International und Mormonin (iz3w 410). »Wenn in Afrika ein Anti-LGBTQ-Gesetz verabschiedet wird, kann man sich sicher sein, dass Sharon Slater ihre Finger im Spiel hatte!« sagt Tabitha Saoyo Griffith, Menschenrechtsanwältin und Mitglied des Beirats von Amnesty International Kenia. Auch Robert F. Kennedys Children’s Health Defense war vertreten. Das ist eine Organisation von Impfgegner*innen, deren afrikanische Vertreter*innen von der Journalistin Kerry Cullinan„2 als »die lautstärksten Impf-Gegner*innen des Kontinents« bezeichnet werden. Sponsoren der Konferenz waren unter anderem die katholische New Yorker Lobby-Organisation C-Fam und die Alliance Defending Freedom – beide Mitglieder des Beirats von Project 2025, dem Programm der MAGA-Bewegung. Im Anschluss zog ein Teil der Speaker*innen weiter nach Nairobi, Kenia und traf sich dort zu einer weiteren Konferenz mit den fundamental-katholischen Jurist*innen des Ordo Iuris Instituts aus Polen und dem südafrikanischen Evangelikalen Errol Naidoo. Eines muss man feststellen: Konfessionell bedingte Feindseligkeiten scheinen sie zu Gunsten des geteilten Hasses auf die LGBTIQ+ Community und Frauen niedergelegt zu haben.
Kathi King
Der Artikel erschien zuerst beim iz3w. Veröffentlicht im iz3w-Heft 414.
Teil des Dossiers Kulturkampf. Dieses Dossier ist ein Kooperationsprojekt mit dem iz3w.